Various – Total 9

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Es ist Sommer. Gelegentlich. In manchen Gegenden. Je nach Definition. Mitten in das Sommerloch – oder eher gegen sein Ende – veröffentlichen die Kölner von Kompakt die neunte Inkarnation ihrer totalen Labelschau. Die nicht nur musikalisch elektronische Presse feiert „Total 9“ bereits in ihren Ankündigungen als die „vielfältigste“ Kompakt-Compilation (residentadvisor.net) oder behauptet gar, diese Ausgabe der Reihe erfinde „mit nahezu jedem Track eine eigene Art von Pop“ (de-bug).

Ungemein vielseitig und kreativ, vielleicht teilweise sogar über das Ziel hinausschießend, erscheint insbesondere die erste „Seite“ der CD-Version. Zwischen Justus Köhncke und Burger/Voigt fehlt zwar nicht der rote Faden – der heißt ganz klar Kompakt – doch irgendwie gibt es hier zu wenig, was aufhorchen lässt. Neben einigen wenigen herausragenden Tracks des vergangenen Kompaktjahres funktioniert das doch in erster Linie als technoid-unlangweilige, aber auch unaufregende Hintergrundbeschallung. Wie immer steht natürlich DJ Koze ganz vorne in der Reihe der Künstler, die ihren kreativen Ausfluss nicht unter Kontrolle haben. Der exklusive Track „Zouzou“ gehört einerseits zu den besten hier vertretenen, verzettelt sich aber zudem in zu vielen Ideen. Interessiertes Aufhorchen und fragendes Kopfschütteln wechseln sich rhythmisch ab. Positiv formuliert – etwas, was beim Hören des kraftwerkesken „Say I’m Your Number One“ von Superpitcher vs. The Congosound im Superpitcher Remix sehr leicht fällt –, ließe sich die Kritik an „Total 9“ auch dahingehend ausdrücken, dass mein / das menschliche Gehirn / Gehör einfach nicht für eine solch geballte Ansammlung hochklassiger Tracks geschaffen ist. Allein in der ersten Hälfte reicht der Bogen von Köhncke’scher und Koze’scher technoider Vielseitigkeit über Wave-Electro-Pop (Jürgen Paape feat. Alison Degbe mit „Come Into My Life“, Jörg Burgers „Modernism Begins At Home“) bis zu Matias Aguayos brasilianisch-perkussiver Interpretation des Begriffs „Minimal“. Auch Supermayer überzeugen in diesem Zusammenspiel – mit Zahnarztbohrern – und Partial Arts („Telescope“) – aka Ewan Pearson und Al Usher – bringen einfach mal vierzig Jahre elektronischer Musik in achteinhalb Minuten unter. Was jedoch von Burger/Voigts „Wand aus Klang“ zu halten ist, dafür müssen wohl noch Jahre ins Land gehen, um das zu entscheiden.

Nachdem Teil eins der Compilation vor allem die großen Kompakt-Tiere zu Ton kommen lässt, dürfen sich auf dem zweiten Silberling „die jüngeren Jahrgänge“ austoben. Eher ruhig eröffnet erstmal Dubshape. Zwar pocht und pluckert es gehörig und steigert sich dahingehend durchgängig, doch im Beginn ist dubbige Gemütlichkeit angesagt. Der Widerspruch – oder Kontrast – aus Entspannung und Aggression wird von Jonas Bering fortgeführt: „I Can’t Stop Loving You“, ein Track, der bei jedem Hören aufs neue aufhorchen lässt und begeistert. Robert Babicz, Nightguy und Gui Boratto verlassen kaum vertraute Kompakt-Pfade. Auch für The Rice Twins trifft dies im Kern zu, doch vermögen sie zu interessieren, und bereiten so das Feld vor für Nicolas Stefan hektisch pulsierenden Waverave „Time Is Over“. Im Folgenden erscheinen die fesselnden Höhepunkte der Gesamtcompilation – Kaitos „Everlasting Dub“, SCSI-9s „Another Day Acid“ – beide passend betitelt – und Maxime Dangles enorm treibendes „Tulipa“, bevor Freiland mit „Geduld“ den Laden schließen.

Ist „Total 9“ nun nur Hintergrundbeschallung oder so fantastisch, dass Erschöpfung eintritt? Oder etwa beides? Anstrengend ist die neunte jährliche Werkschau von Kompakt definitiv in Strecken, doch mögen es ebenso diese Phasen sein, die kreativ und innovativ am meisten überzeugen. Tatsächlich hängt es wohl von der privaten und Tagesform ab, ob Total 9 besser als U-Bahn-Übertönung und Autofahrmusik funktioniert oder eben doch mehr zur intensiven Auseinandersetzung auffordert.

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