The Matthew Herbert Big Band – There’s Me And There’s You

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Musiker mit Botschaft und Mission: Bono – Jesus, Maria und Josef –, Bob Geldof – Heilig’s Blechle –, Thom Yorke – warum nur? – und natürlich Matthew Herbert und seine Alter Egos. Anders als unter dem Moniker Radio Boy verbindet Herberts zweites Big-Band-Swing-Album die politische, die zeitkritische Komponente mit einem ungeheuren Wohlklang. Rund um den zentralen Begriff der Macht – bzw. deren Missbrauch – schustert Herbert mit seiner Matthew Herbert Big Band auf „There’s Me And There’s You“ einerseits eine schwerverdauliche, bedeutungsschwangere Kunstkacke und andererseits ein überzeugendes, swingendes, seelenvolles und beschwingendes Pop-Album. Musikalisch steht alles irgendwo zwischen triphoppigem Dancefloorjazz der Marken Moloko, Herbert und Portishead und dem klassischen Swing (vor allem dem der zweiten Generation), der nicht nur mit Bennie Goodman oder Count Basie und später dann dem Rat Pack um Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. verbunden wird, sondern ebenso den Klang der Bernstein’schen West Side Story geprägt hat. Doch alles ist immer durchdrungen von Herberts Sample- und Field-Recording-Ideen, die hier eben der Betrachtung von Macht und Machtmissbrauch dienen, von Politik, Ökonomie und Religion, von Markt und Medien.

Wie gesagt präsentiert dieses zweite Big-Band-Album dieser Bezeichnung entsprechend Swing Jazz. Zudem philosophiert der Maestro über seine Wahrnehmung der (nicht nur) politischen Gegenwart. Zwar sind beides keine Neuerungen in Herberts Oeuvre, ihre Verbindung scheint jedoch immer noch ziemlich seltsam, taugt der Swing Jazz eher wenig zur Zeitkritik. Aus deutscher Sicht entspricht dies etwa der Vorstellung, Harald Juhnke auf der Showtreppe singe in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wider die deutsche Teilung – oder, aus heutiger Sicht, Tom Gaebel musiziere gegen den Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan. Insofern erscheint weiter fraglich, ob Herberts geräuschvoller Einsatz von Yellow-Press-Zeitungen und Zeitschriften, eines Madonna-Albums, einer Bibel, 70 Kondomen, US-Wahlkampfansteckern, Streichhölzern, Ja-Sagern, Akkuladegeräten, einer Briefmarke, Spielzeugsoldaten, einer Gasalarmrassel, Kreditkarten, Münzen, SMS-Nachrichten, dem Piepen eines Brutkastens, einer Coldplay-CD oder einer Einäscherung, ob also diese und dutzende weitere Klangerzeugungen dem durchschnittlichen Hörer des Albums auffallen, in ihrer beabsichtigten Bedeutung deutlich werden und sinnvoll sind. Des Weiteren darf der Hörer fragen, ob die Beiträge von Palästinensern bezüglich ihrer bevorzugten und verhasstesten Geräusche nicht in gewisser Weise eine einseitige Betrachtung eines weltpolitischen Konflikts darstellen. Am Ende dürfte die Antwort lauten: Diese Herangehensweise eignet sich kaum zur Kritik des politischen Machtmissbrauchs (westlicher) Regierender im Rahmen des swingenden Wohlklangs, sondern, Klangkonstrukte und Botschaft gehen für den durchschnittlichen Hörer unter – solange er nicht eine Herbert’sche Anleitung (oder den Promowisch der Plattenfirma) zur Hand hat. In gewisser Weise ist das egal, es betont die Subversivität der Herangehensweise, ist aber gleichzeitig kein Hinderungsgrund zum Genuss der Musik, dürfte jedoch eigentlich bei aller künstlerischer Attitüde auch kaum die Intention sein.

Genug der Worte über Herberts Predigt, die von ihm produzierte Musik könnte dem ein oder anderen Hörer wie Leser doch wichtiger sein. Herbert, die Mitglieder seiner Big Band und Sängerin Eska Mtungwazi schaffen mit „There’s Me And There’s You“ ein absolut überzeugendes, wenn nicht ein grandioses Album, das – vielleicht nicht wirklich beabsichtigt – den Big-Band-Klang einer vergangenen Epoche nicht nur einfach aufwärmt und mit elektronischen und sample-technischen Spielereien verfeinert, sondern vielmehr das Genre des Swing – des swingenden Jazz – mittels der Herbert’schen Produktionsmittel erneuert oder gar neu erfindet.

Den meisten Hörern ist Matthew Herbert wohl als Kollaborateur und Produzent von Róisín Murphys „Ruby Blue“ bekannt. Für diese Hörerschicht eröffnet „The Story“ das Album sehr erfreulich. Klanglich hätte es perfekt auf Murphys Solo-Debüt gepasst und auch Eskas Stimmeinsatz wirkt vertraut, heißt, er ähnelt Róisín Murphys Gesangsstil. „Pontificate“ führt dies weiter, erhöht jedoch den Swinganteil deutlich – einen Anteil, der im Folgenden objektiv vielleicht nicht wirklich dominiert, der jedoch subjektiv zu überwiegen scheint. Spätestens das abschließende „Just Swing“ drückt dem Album diesen Stempel endgültig auf. Zuvor jedoch läge nichts Herbert ferner, als einfach im weiten Feld zwischen Bernstein, Sinatra, Goodman und … Robbie Williams zu wildern. Vielmehr schaffen seine Band und er einzigartige swingende, soulige, mitreißende, tanzbare, nie einfach zu durchschauende Arrangements, die mal mehr im großen Sendesaal der BBC, mal mehr im Hitchcock’schen Thriller zu Hause zu sein scheinen. Neben Eskas Gesang sowie der perfekten Umsetzung eines „alten“ Genres, macht insbesondere die filmische Komponente die Qualität des Albums aus. Sie reicht von verstörend und intensiv in „The Yesness“ bis zwischenzeitlich eher wenig swingend, dafür triphoppig in „Regina“.

Den wichtigsten Anteil an „There’s Me And There’s You“ sowie dem Gelingen des Albums hat jedoch Eska Mtungwazi. Matthew Herbert hätte sicherlich noch so fantastische Ideen haben können, die Musiker der Big Band könnten sie noch so talentiert und technisch perfekt wie begeistert und begeisternd präsentieren, mit einer weniger talentierten, vielseitigen und die von den Produktionen erforderten Emotionen auszudrücken fähigen Sängerin wäre das Album nur halb so gut.

Matthew Herbert wird es nicht mögen, doch – die Botschaft ignorierend – ist „There’s Me And There’s You“ in erster Linie ein fantastisches, faszinierendes, swingendes Album für Menschen, die ebenso sehr Portishead mögen, wie sie im Jazzsound der West Side Story Gefallen finden. Ein Album für Cratedigger, die auch den Wohlklang und nicht nur den interessanten Sound suchen. Natürlich ließen sich über Tracks wie „The Rich Man’s Prayer“ oder „The Yesness“ ganze kultur- und politiktheoretische Abhandlungen schreiben, aber solange es Matthew Herbert gelingt, diesen Inhalt in einem populärmusikalisch perfekten Album unterzubringen, das auf solch erfolgreiche und interessante Art und Weise ein zwar faszinierendes, aber ebenso häufig peinliches Genre entstaubt, darf er sich nicht beschweren, wenn die ursprüngliche Idee den Hörer nur schwer erreicht – oder ihm sogar unwichtig erscheint.

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