Sport – Unter den Wolken

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Sport, die Band um Felix Müller, verortet sich ganz selbstbewusst im härteren Rock-Segment zwischen Post-Hardcore und Grunge, zwischen Stoner Rock und einfach nur Alternative. Das Selbstbewusstsein ist wohlverdient. Möglicherweise existieren da draußen viele Bands, die diese Genres mit deutschen Texten verbinden und nicht wie peinliche Kopien klingen, aber so lange diese Bands nicht hervortreten, bleibt nichts übrig, als die Gruppe Sport mit ihrem dritten Album „Unter den Wolken“ als Ausnahmeerscheinung zu bezeichnen.

Schon der Vorgänger „Aufstieg und Fall der Gruppe Sport“ sowie Müllers Zweit- (oder Erst-)projekt Kante auf „Die Tiere sind unruhig“ schoben den deutschen Rock in neue Dimensionen. „Unter den Wolken“ setzt das fort und brilliert zudem mit einer perfekten, ausgefeilten und doch roh erscheinenden, klaren Produktion. Manchem klingt das ein oder andere Stück – insbesondere „Wenn Alle Stricke reißen“ – vielleicht zu sehr nach Madsen, andere verstört das zu offensichtliche musikalische Zitat „Gehirnerschütterung“, doch ist letzteres nur eine wohlgemeinte Verbeugung und ersteres resultiert aus gemeinsamen Einflüssen, die kaum verwerflich sein dürften.

Im Interview mit der tageszeitung interpretiert Felix Müller den Begriff „Hamburger Schule“ als „speziellen Umgang mit Texten“ in sehr verschiedenen Musikrichtungen und akzeptiert damit implizit diesen – in den letzten Jahren eher verpönten – Sammelbegriff für sich und seine Band. Tatsächlich spielt „Unter den Wolken“ effektiv auf beiden Ebenen des Rock, Text und Musik, und weiß so zu gefallen. Somit ist der offensive Umgang mit dem Schubladendenken zielführend und stößt die eigene weit auf. Zwar beschreibt Felix Müller in erwähntem Interview seine Texte einfach als „Teil des Sounds“, nicht als das „Wichtigste an Sport-Songs“ doch bleibt von Hörerseite aus festzuhalten: So überzeugend die Musik der Gruppe Sport sein mag, so wenig würde sie mit englischen Texten oder auch nur mit weniger gut formulierten Aussagen auffallen. Mit Pendikel bleiben Sport in ihrer Disziplin die Ausnahmen.

Zwischen aggressiv rockender Eröffnung „Gehirnerschütterung“ und hypnotisch-epischem Titeltrack zum Abschluss schrauben sich Sport durch zehn Songs, die mit Verständnis für Melodie und voller Energie den Hörer bannen und begeistern. „Stimmen“ swingt, „Vergiss die Weltformel“ zitiert und variiert die guten Ideen von Josh Homme, und das düster pulsierende „Namen und Gesichter“ kennt J. Mascis Backkatalog auswendig. Den Höhepunkt des Albums bildet sicher der massentauglichste „Pop“-Song „Wir sind für Euch da“, der, vordergründig zum Ohrwurm geeignet, hintergründig doch mit Müllers Text zu einem Kunstwerk wird.

„Unter den Wolken“ setzt den „Aufstieg und Fall der Gruppe Sport“ konsequent fort. Wo der Vorgänger weder Aufstieg noch Fall auslöste, sondern vor allem Kritikerliebling war, könnte „Unter den Wolken“ mit ein wenig Glück zumindest einen gewissen Aufstieg einleiten. Auf eine dauerhafte populäre Etablierung der Gruppe Sport im deutschen Rock will man ja gar nicht hoffen.

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