Sam Sparro – Sam Sparro

OK, springen wir auf den vorbereiteten Zug der offiziellen Promotion des selbstbetitelten Sam-Sparro-Debüts auf und sagen: Wenn Amy Winehouse für Soul 2006 und 2007 stand, dann ist Sam Sparro das Gesicht des Soul 2008. Wo der Soul des Jahres sich bisher in die Vergangenheit sehnte (Adele, Duffy, Gonzales, Jamie Lidell) oder zumindest über den großen Teich (Estelle), schaut die (zukünftige) Gay-Ikone Sam Sparro ganz selbstbewusst und offensiv in die Zukunft. Sein Soul ist ebenso sehr Electro wie House wie Funk wie Eurodance: Kylie trifft Prince, Robin Thicke holt Chaka Khan an der Ecke ab, um kurz mal mit Grace Jones zu jammen, oder so.

Manchem mag zuviel Dancepop in der Musik stecken, andere könnten einfach vom Erfolg der Vorabsingle „Black and Gold“ abgeschreckt werden, dritte wiederum dürfte stören, dass einmal mehr Eg White und Paul Epworth ihre Finger im Spiel haben. Ein Wunder, dass Mark Ronson nur Fan von Sparro ist. Eigentlich jedoch sollte vom Ed-Banger-Party-Youngster, der eigentlich nur auf Rock steht, über den Radio-Popper bis zum geschmackssicheren Alternative-Publikum jeder Musikhörer an irgendeiner Stelle von diesem Album überzeugt werden. Allerdings – oder natürlich – halten die zwölf Tracks nicht ein durchgängig hohes Niveau. „Cut Me Loose“ oder „Sally“ riechen bei aller funkensprühender Seelenhaftigkeit ein wenig arg nach den 90ern. Davon abgesehen beeindruckt jedoch nicht zuletzt, wie qualitativ geschlossen das Album daherkommt. Der elektronische Funkcharakter wird nirgends verletzt und immer steht Sam Sparros Soul-Organ im Mittelpunkt. Mal tief und zart, mal aggressiv, mal in Prince’scher Kopfstimme, immer jedoch kontrolliert, überzeugend, bewegend. So gilt einmal mehr, dass offenbar der Gospelchor die beste Ausbildungsstätte für einen Soulsänger ist. Die Qualität der Stimme lässt sich nicht nur im das Album bewerbenden Video von der Aufnahmesession zu „Black and Gold“ untrüglich bewundern, auch der barjazzige Hidden-Track zeigt Sparro ohne elektronische Nebensachen.

Das Album wird vom future-jazzigen Funk „Too Many Questions“ eröffnet. Sofort auf die globale und kollektive Tanzfläche ausgerichtet, erwischt es den Hörer fast auf dem falschen Fuß, ist es doch noch einen Tick klarer fokussiert als „Black and Gold“. Dagegen wirkt die Vorab-Single fast reduziert mit ihrem zwar offensivem, aber doch sehr einfachen Beat – der den deutschen Hörer frappierend an International Pony erinnern könnte. Dem ersten Superhit folgt mit „21st Century Life“ gleich der zweite. Kylie-Funk, die Art Pop-House, die jeden packt. Gonzales und Mr. Lidell sollten eigentlich mit ihrer ganzen Posse begeistert sein – ich an ihrer Stelle würde mir schon mal die beste Taktik zur Einverleibung dieses Talents überlegen. Der Beat von „Sick“ könnte von Daft Punk sein, „Waiting For Time“ ist eine abgef*ckte Electro-Ballade, „Cottonmouth“ dürfte von James Brown über George Clinton bis Bootsy Collins jeden Kollegen neidisch machen und „Hot Mess“ lässt sogar Prince mal seine Egozentrik vergessen. Neben „Black and Gold“ sowie „21st Century Life“ bringt aber sicherlich „Pocket“ das Phänomen Sam Sparro am ehesten auf den Punkt. Bei allen Referenzen, bei aller krampfhafter Kategorisierung besitzt seine Musik etwas absolut originär eigenes, einen – für mich – nicht greifbaren, futuristisch nach vorne gerichteten Anteil.

Sein Raum zitiert Einflüsse, die ebenso experimentell-elektronisch sind, wie dem Soul entstammen, wie aber auch extremst poppig daher kommen, vor allem aber sind sie nicht in eine und nicht in zwei Schubladen zu packen. Sollte dieses Album in Deutschland durch die Decke gehen, dann wohl verdient. Sam Sparro könnte (nach Justin Timberlake) der erste echte neue Superstar des 21. Jahrhunderts werden. Funky, funky, funky. Soul. Gut. Sehr gut.

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