Pivot – O Soundtrack My Heart

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Die Frage, welches Label im Jahr 2008 die Krone des besten des Jahres tragen wird, ist eigentlich entschieden. Auch wenn sowohl Kompakt als auch Sub Pop noch gut mit im Rennen liegen, führt eigentlich kein Weg daran vorbei, den Titel an Warp zu überreichen. Nach Clark, Autechre, Leila, Born Ruffians, Jamie Lidell und Flying Lotus folgt dieser Tage mit Pivots „O Soundtrack My Heart“ der nächste Streich. Wer im Jahr 2100 wissen wollte, wie Musik im Jahr 2008 klang, hätte mit dieser Auswahl eigentlich alle Informationen zur Hand.

Pivot wiederum führen in ihrem Referenzbaukasten prominent einen Namen, der den meisten Hörern so wohl nicht einfiele, der beim ersten Erwähnen nicht unbedingt begeistert, der dann doch verdammt logisch erscheint und im Wohlgefallen an „O Soundtrack My Heart“ sogar neugierig macht. Der Name heißt Vangelis. Die Beziehung besteht im Einsatz des Synthesizers, in der faszinierenden Erschaffung von Klangschaften mit diesem Mittel. Wo manche den Namen Vangelis nur mit Henry Maskes esoterisch angehauchter Einlaufmusik verbinden, stehen Pivot mitten im Spannungsfeld aus Postrock und Electronica, verbinden dies jedoch immer mit einem Hauch von und mit einem Gespür für die tanzbaren Ideen des New Wave. Talking Heads, Autechre und Savath & Savalas werden zu recht ebenfalls als Referenzen angeführt, vor allem jedoch greift „O Soundtrack …“ weit zurück in Tiefen des Krautrocks um Can oder Harmonia.

Postrock erschien selten wirklich so weit entfernt zu sein vom Rock. Repetitive Strukturen schaffen Richard und Laurence Pike zusammen mit Dave Miller aus Synthie und klassischer Bandinstrumentierung, die Sounds treiben den Hörer an, fesseln ihn, hypnotisieren ihn, bringen ihn in emotionale Engpässe, drücken ihn an die Wand. Meist rein instrumental findet sich auf „O Soundtrack …“ eine musikalische Reise, ein klanglicher Roadmovie.

Das kurze Intro „October“ baut die Spannung auf, wiegt in Sicherheit, bevor in „In The Blood“ Gitarre, Bass und Synthesizer zu singen beginnen, sich verschränken, aufeinander aufbauen, sich umtänzeln. Meteorologische Metaphern, Vergleiche mit der Wildheit der Natur, verzweigte Geschichten, all diese Assoziationen tauchen auf, wechseln sich ab, gehen Hand in Hand. „In The Blood“ stürzt sich und uns Kopf voran hinein in den Strom, der „O Soundtrack My Heart“ ist, jene packende Dreiviertelstunde Musik, an deren Ende eigentlich nur bleibt, sich ihr sofort noch einmal auszusetzen. Seien es der Titeltrack, das galaktische Weiten erkundende „Fool In Rain“, das mythische „Sing, You Sinners“ oder das hymnische „Sweet Memory“, alle Songs transportieren den Krautrock in eine pop-musikalische Zukunft, begeistern und lassen den Mund offen stehen. So weit ist Pivots zweites Album – das erste auf Warp – schon unglaublich gut, doch nach der kurzen Ruhephase „Love Like I“ geht es im letzten Drittel eigentlich erst richtig los. „Didn’t I Furious“ lässt mit wimmerndem Synthesizer und treibender Rhythmus-Sektion die Ohren erbeben, „Epsilon“ vertieft den Pop im Postrock und „Nothing Hurts Machine“ ist ein Monolith von einem Track. Wer am Ende von „O Soundtrack My Heart“ nicht restlos überzeugt ist – sowohl von Pivot als auch vom Label Warp –, … Unfassbar, unglaublich, unbeschreiblich. Die Musik des Jahres 2008, vollkommen „warped“.

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