Amphibic – There Were Millions Of Them EP

am

Sechs Tracks, 23 Minuten, „There Were Millions Of Them“. Amphibic versuchen, mit einer EP die Wartezeit auf den Nachfolger zu „Film In My Head“ zu verkürzen – oder gestehen ein, dass die vier Jahre zu mehr nicht gereicht haben.

Ein „Extended Play“, etwas mehr als eine Single, zu wenig für ein Album. Lohnt sich das zu besprechen? In der Regel ist das eine berechtigte Frage, aber hier … Oh mein Gott. Die EP auf Haldern Pop veröffentlichend, legen die fünf Musiker sechs Songs vor, die nur ein Urteil erlauben: Perfekt. Indiepop der größten Schule. Wäre dies ein Album, … hach. Traumhafte Melodien, grandiose Arrangements und Neal Hoffmanns Gesang, der vielleicht nicht unverwechselbar, doch zumindest voller Charakter durch die Stücke geleitet. „Shoot At The Sky“ eröffnet „There Were A Millions Of Them“ munter melodiös rockend und voll auf Ollie Barnes Gitarre konzentriert. Irgendwo zwischen Idlewild und Modest Mouse beheimatet, klingt es wie aus der Zeit genommen, wie heute, wie vor zehn, aber auch wie vor zwanzig Jahren. Aber der Anfang ist selten das Beste eines Albums. Die Stimmung erhaltend leiten Amphibic über zu „Be There, Be There“, steigern langsam die Spannung, bremsen; zwischen ganz großer Emotion und gehauchter Erschöpfung verliert sich der Hörer. Völlig auf sich allein gestellt, reicht ihm der „Hungry Man“ die Hand. Sie zu ergreifen, dürfte aber den persönlichen Verlust, die emotionale Einbindung in die Musik nur noch verstärken. Eine Hymne des poppigen Indiegenres, ein Song so groß, dass der gar keinen Erfolg haben kann, doch eigentlich sollte er von den Nada-Surf-Anhängern über die Modest-Mouse-Fans bis hin zu den bösen kleinen Indie-Kindern jeden erreichen, Herzen aufschneiden, sich einnisten und nie mehr vergessen werden.

Ein solches Lied wie „Hungry Man“ macht ein Album potentiell unvergesslich. Hier folgt gleich eine zweite Perle für die Ewigkeit. „Indian Summer Waltz“ greift sich den gefesselten Hörer und fordert ihn zum Tanz auf. Band und Gehör schwingen über den rohen Bretterboden. Das bunte Laub strahlt im Spätsommerlicht über den Köpfen der Menschen. Ein Ohrwurm vor dem Herrn und ein guter Song dazu. Wie es möglich ist, Stimmung und Qualität von „Hungry Man“ und „Indian Summer Waltz“ noch einmal zu steigern, erscheint unbegreiflich, doch Amphibic gelingt es. „All Of The Kings Men“ setzt der EP die Krone auf. Hymnisch rockend perfektioniert die Band hier ihr Gespür für Gesang, Melodie und Arrangement und verpasst dem Track noch einen Refrain zum Mitsingen. Glücklicherweise steigert die Band sich mit dem abschließenden „How The World Works“ nicht noch einmal, sonst bestände die Gefahr eines emotional musikalischen Overkills. Nein, Amphibic halten einfach nur mal locker das Niveau der vorhergehenden drei Stücke.

Zum Debüt „Film In My Head“ ließ sich 2004 sinngemäß lesen, nach gut der Hälfte des Albums sei der Band wohl die Lust oder zumindest der Zaubertrank für den perfekten Song ausgegangen. Vielleicht soll die Form der EP verhindern, ein solches Urteil zu wiederholen. Möglicherweise fanden sich tatsächlich nur sechs Songs dieser Qualität, die eine Veröffentlichung zu diesem Zeitpunkt zuließen. Egal wie, mit „There Were Millions Of Them“ veröffentlichen Amphibic eine perfekte Zwanzig-Minuten-Reise, die vollkommene EP. Wäre dies ein Album und besäße es dieses Niveau, es wäre in sechs Monaten mit Sicherheit in den persönlichen Top Ten des Jahres.

Advertisements