Skeletons And Kings Of All Cities – Lucas

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Die Schnelllebigkeit der Rezeption und des Konsums von Musik in Zeiten des Internets wird von den Kritikern auf zwei Wege verarbeitet. Einerseits wird den wöchentlichen Veröffentlichungsdaten hinterher gehechelt, andererseits lässt sich gelegentlich der Versuch beobachten, eigene Schwerpunkte zu setzen, Musik dann aufzugreifen, wenn sie relevant erscheint. Egal wie, ein Album zu besprechen, das mehr als 54 Wochen alt ist, steht nicht zur Debatte. Das Werk ist im Grunde nicht nur tot, sondern schon weitgehender Verwesung ausgesetzt. Insofern wäre es auch eine Lüge zu behaupten, hier und jetzt würde im Angesicht der gegenwärtigen Tour von Matt Mehlans Skeletons and the Kings of All Cities versucht, vergangene Verfehlungen aufzuarbeiten.

Manchmal jedoch tut die Besinnung auf verhältnismäßig lang zurückliegende Veröffentlichungen gut. Einerseits fällt auf, was verpasst wurde, andererseits betont es hier im Falle von „Lucas“ die – normalerweise eher seltene – Zeitlosigkeit eines Albums. Unabhängig davon ist der Fussabdruck, den das Album bisher hinterlassen hat, definitiv zu klein.

Schon seit den psychedelischen Zeiten der Sechziger versuchen Künstler in dissonanten Klängen poppige Schönheit zu erzeugen, zu verstecken oder zu entdecken. Das erste Hören dieses Albums dominieren die – scheinbaren – Misstöne, doch bei genauerer Widmung … Matt Mehlan und seine mehr oder minder festen Mitmusiker begeben sich ganz tief hinein in einen Dschungel aus Folk, Electronica, Jazz und Krautrock. Zwischen den vielen perfekt (dis)harmonierenden Instrumenten und dem Gesang verstecken sich magische Perlen, deren ganze Dimensionen von Hördurchgang zu Hördurchgang zunehmen. Psychedelisch und folkloristisch, jazzig gejammt und voller frühelektronischer Grooves ziehen Skeletons And The Kings Of All Cities in den Bann.

Neben dem sowohl stammesrituell wie bluesig-psychedelisch daher schreitenden und sich in hypnotischen musikalischen Gebetsketten verlierenden „Don’t Worry“, das allein den Kauf rechtfertigt, überzeugt „Lucas“ tatsächlich besonders durch die Selbstverständlichkeit, mit der die Band in ein undurchschaubares Geflecht aus Klängen (z. B. der Beginn zu „Like It Or Not“) perfekten Pop verpackt, seien es nun nur einzelne Takte oder ganze Strophen, die sich ohrwurmartig einfräsen und verzaubern wie verstören. Schönheit aus Chaos ließe sich als Motto für das Album ausgeben. Ein Gegensatz, der wie ein Vorschlaghammer zuschlagen kann, z. B. wenn das soulige „Let It Out“ sich an das eben erwähnte, verrauschte „Like It Or Not“ anschließt. Aber nicht nur zwischen Songs stehen sich hier vermeintlich kaum vereinbare musikalische Ideen gegenüber. Fast jeder Song präsentiert eine Unentschlossenheit, was seinen Charakter anbetrifft. Das könnte unfertig, unprofessionell oder einfach schlecht wirken, wird jedoch so perfekt umgesetzt, dass es begeistert.

„Lucas“ mag mehr als ein Jahr alt sein. Skeletons And The Kings Of All Cities mögen dieser Tage kleinste bis kaum existente Locations bespielen. Beides verdeutlicht die zu geringe Beachtung, die Band und Album – wohl nicht nur hierzulande – bisher erhalten haben. Eigentlich hätten nicht nur die Feuilletons voller begeisterter Notizen sein müssen. Aber vielleicht ist es ja noch nicht zu, spät die Band zu feiern. Also auf …

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