Lil Wayne – Tha Carter III

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Das Problem an Lil Waynes „Tha Carter III“ neben den ganzen Sch…-Tracks, neben den ganzen fantastischen Stücken und ab von der Tatsache, dass es mich bei einem Hördurchgang durchgängig flasht und beim nächsten ebenso in Gänze nervt, langweilt und ankotzt, ist seine Überlänge. Ob die sich ewig streckenden 80 Minuten der Vorliebe des Dwayne Michael Carter Jr. für das Format des Mixtapes oder dem kommerziellen Erfolgsgedanken geschuldet sind, bleibt offen. Fokussiert auf die Hälfte der Tracks könnte „Tha Carter III“ tatsächlich ein fantastisches Album sein.

Viel spricht jedoch für den Kommerz-Vorwurf. Bei allem Talent – Rap, Beat und Produktion – ordnet sich das Album mit seinem Versuch, alles von Club über Bewusstsein bis Klingelton und Radio abzudecken, doch irgendwo im Mainstream zwischen 50 Cent, Flo Rida und Usher ein. R’n’B-Massenware, die, in den Staaten zumindest, zum meist erwarteten (kommerziellen) Rap-Album des Jahres wird, das als (einziger) potentieller Megaseller des Genres Lil Waynes Standing zu neuen Höhen treibt, ohne dass es überhaupt schon gehört worden wäre. Dabei fühlte der Künstler sich doch vorher schon als größter lebender Rapper; wobei „groß“ im Englischen das nette Wortspiel erlaubt, ob „greatest“ oder „biggest“ gemeint sei. Großartigst oder einfach meistverkaufend. Letzteres schafft er sicherlich mit dem dritten „Tha Carter“-Album.

Der großartigste Rapper hingegen? Möglicherweise werden in einigen Jahren alle „Tha Carter“-Alben in einer Reihe stehen, mit den Alben, die über die „BlackMusic“-Fans hinaus einen R’n’B-Künstler populär machten, sie zu genre-übergreifenden Klassikern aufsteigen ließen. Lil Wayne will – unbedingt – in einer Reihe stehen mit Jay-Z, 2Pac und Notorious BIG, wobei sich vom transatlantischen Standpunkt aus doch die Frage stellen lässt, ob das – nicht US-fixiert – die richtige Ehrenhalle ist. Vor allem scheint fraglich, ob dieser Status mit einem Album erreicht wird, das versucht, alles zu sein, und gleichzeitig nichts wirklich ist.

Bis hier stehen da viele Worte und wenig über die Musik. Zusammenfassend ließe sich dazu sagen: Zwischen Status Quo der Fiddy-, der Jay-Z- und der Kanye-Schulen, zwischen Futurismus und Klassisch findet sich alles. Technisch kommt das perfekt rüber, die eingekauften Produktionen funktionieren und der Künstler selbst ist bei all den Features fast überflüssig. Nicht nur, dass letzteres bedauert werden muss, gelegentlich passen Konzept, Rap und Produktion wie Katz und Hund, wie Regen auf Zuckerskulptur, wie Peitsche und Zuckerbrot. Schade, dass dies gerade bei dem vielleicht kreativsten Track („Dr. Carter“) geschieht oder mit die beste Produktion des Albums versaut („Shoot Me Down“). Das mit „Playin’ With Fire“ ein Track komplett in die Hose geht – Godzilla lässt grüßen – wundert dennoch.

Alles beginnt mit dem viel versprechenden „3peat“, hochklassiger Südstaatenrap, der nicht nur Wayne in guter Form sieht. In der gleichen Schublade finden sich das zerstörte – einerseits unhörbare, andererseits grandios verschrobene – „A Milli“, sowie das nur clubtaugliche „Got Money“ und dessen Klingeltonausverkaufs-Schwester „Lollipop“. Letztere beide klar produziert für den MTV-Erfolg, der sich natürlich sofort einstellt. Vom futuristischen Standpunkt aus gefallender erscheint „Phone Home“, wogegen das altbackene – sorry Busta – „Lala“ nur nervt. Ebenfalls keinen Kreativpreis gewinnt sicher das dennoch überzeugende – wegen dem anderen Mr. Carter Jay-Z – „Mr. Carter“ und der weichgespülte Kanye-R’n’B „Comfortable“.

Den Höhepunkt von „Tha Carter III“ bildet dessen Mitte: zunächst das traumhaft schön soulige „Tie My Hands“ – featuring Robin Thicke und Produktion von ebendiesem – mit dem nachfolgenden nervig gelungenen „Mrs. Officer“ – Kandidat für peinlichster Lieblingstrack 2008. Bei letzterem sind allerdings sowohl Lil Wayne als auch Kollaborateur Bobby Valentino vollkommen überflüssig. „Mrs. Officer“ gehört mit einigen anderen Tracks des Albums in die Kategorie, bei der ich mich frage, ob die – mich normalerweise ankotzenden – Berliner Massivbushaggro-Nasen sich produktionstechnisch so sehr amerikanisiert haben, oder ob die Amis sich langsam dem Niveau der Berliner annähern; das aber nur nebenbei. Das Höchstniveau der Albummitte ergibt sich weniger aus „Mrs. Officer“ sondern eher aus „Let The Beat Build“. Einmal mehr eine perfekte Kanye-Produktion – und einmal mehr ist der Backing-Track wichtiger als Weezy Wayne Carters Raps. Deren Bedeutung tritt eigentlich nur beim eröffnenden „3Peat“ und dem mehr als überzeugenden „You Ain’t Got Nuthin’“ hervor, das ihm Fabulous und Juelz Santana zur Seite stellt. Beide Tracks führen einem besonders vor Augen, was in Lil Waynes Kosmos möglich wäre / ist – wenn er nicht auf Nummer sicher geht, oder zwangsweise einen Klassiker produzieren will.

Am Schluss bleibt nur noch eine Frage bei diesem Album: Warum muss im ewig langen „Dontgetit“ das gleiche Nina-Simone-Sample genutzt werden, das Common schon auf „Finding Forever“ verwendete? Auch egal, ist der Track doch noch eine versöhnliche Note gen Ende.

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