Ellen Allien – Sool

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Der Weg nach vorn braucht zunächst einige Schritte zurück – um Anlauf zu nehmen. Ellen Allien präsentiert sich auf „Sool“ nicht nur in der Selbsteinschätzung minimal. Selten folgt ein Album so sehr der Beschreibung des Künstlers / der Künstlerin. Skizzen sollen die Tracks sein, (Vor-)Zeichnungen, die ihre Interaktion mit ihrer Umwelt reflektieren.

Zur Erstellung dieser klanglichen Entwürfe orientiert sie sich ganz offenbar an der experimentellen Elektronik unter anderem der mittleren Neunziger Jahre. So klingt „Bim“ einerseits nach Laub, andererseits aber vor allem absolut unglaublich. Allein für diesen stillen Experimental-Track verneige ich mich vor dem Genie der Berlinerin. Zuvor bringt mich jedoch das Fieldrecording „Einsteigen“ um den Verstand. Was weniger eine negative Aussage ist, als eine Verwirrung ausdrückt, die mich bei jedem Hören dieser U-Bahn-Klanglandschaft erfasst. Nicht zuletzt, weil es bei aller erprobender Charakteristik des Albums, doch in seiner „un“-musikalischen Schlichtheit fast eine Ausnahme bleibt. Nicht zuletzt, weil ihm das eher traditionell minimal elektronische „Caress“ folgt, das zumindest Ellen Alliens Verhaftung im Club erahnen lässt, selbst wenn auch dieser Track eher für die Anlage zuhause produziert wurde.

Zwölf Minuten im Album und ich bin verwirrt, meine Erwartungen sind erfüllt und totale Begeisterung durchströmt mich. Was soll da noch kommen?

Viel. Zunächst das unstetige, seinem Namen vollkommen gerecht werdende „Sprung“. Weit im Hintergrund ein sphärisches Sirren, vorne nur … nennt sich das noch Beat? Das Innere der Musik nach außen gekehrt, unglaublich. „Elphine“ dagegen verströmt wieder Vertrautes, erscheint weniger abstrakt, selbst wenn ein kalter Winterwind es durchweht und der Beat zwischenzeitlich gepfiffen wird. Die kurze Erholung währt jedoch nur kurz. Zurück zu Abstrakt-Experimentellem geht wieder „Zauber“, das mit einem einzelnen – egal ob real eingespielten oder aus der Box kommenden – Holzbläser einen Weg zwischen elektronischem Pop und Klassik sucht, der, um einige Ecken gedacht, durchaus an die Landschaften von Gas aka Wolfgang Voigt erinnert. Sich in den Tiefen von „Zauber“ zu verlieren, fällt leicht. Wiederum zum Niederknien schön.

Nach so viel zauberhafter Schönheit verstört „Its“ aufdringliche Aggressivität. Repetitiv industriell stampft und pocht es voran wie ein Herz auf Speed. Herz und Lunge kommen plötzlich nicht mehr hinterher, Sauerstoff und sauberes Blut werden knapp. Platzangst durchströmt einen, Hyperventilation. Der längste Track des Albums ist in keinster Weise der schwächste, vielleicht ist es sogar einer der kreativ stärksten, doch das von ihm ausgestrahlte simple Chaos befremdet und verwirrt in höchstem Maße. Eine ähnliche Gefühlsregung löst „Ondu“ aus, ist dabei aber sehr viel weniger körperlich unangenehm. Ganz im Gegenteil äußerst angenehm dagegen tritt „Frieda“ auf den Plan. Im Gesamtcharakter wieder ambient, nah bei Gas, prägen es dabei doch die Vocals sowie die Gitarrenklänge, die jedoch beide weniger als solche denn als Teil der atmosphärischen Inszenierung erscheinen. Wie hier zeigt sich die Doppelbödigkeit der Allienschen Skizzen ebenso im klickernd-summenden „MM“ und im abschließenden, alles was „Sool“ ausmacht zusammenfassenden „Out“.

„Sool“. Skizzen großstädtischen Musikschaffens im Winter. Techno in minimaler Ausformung, aber nicht einfach dem Genre Minimal zufallend. Experimentell, verstörend, gelegentlich poppig, immer groß. Löste „Its“ nicht ein so allumfassendes Unwohlsein aus, ein unumstößliches, wenn auch schwer zugängliches Meisterwerk dränge damit in meine Hörgänge.

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