Coldplay – Viva La Vida Or Death And All His Friends

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Irgendwo in den Weiten des Netzes bekannte ich bezüglich Coldplays „X&Y“ desillusionierte Liebe und enttäuschte Hoffnungen. Doch was hatte ich erwartet von einer Band, die nicht die beste, sondern nur die größte der Welt sein will. Ich hatte für ihr drittes Album und für das Jahr 2005 ungefähr das ersehnt, was sie jetzt mit Album Nummer vier „Viva La Vida or Death And All His Friends“ abliefern. Heute jedoch – mit Brian Eno und Markus Dravs in der Produktion – reicht das leider nicht mehr aus. Drei Jahre später ist zu viel Wasser die Themse runter geflossen, zu viel Musik veröffentlicht worden, die hier kopiert wird, zu viel Musik an mein Ohr gedrungen, die sich hier spiegelt.

Vielleicht liegt es an Markus Dravs Mitwirkung, aber nicht nur der Einstieg „Life In Technicolor“ erinnert immens an Arcade Fires „Neon Bible“. Doch wer braucht eine Neu-Interpretation dieses Albums durch Coldplay im U2-Anstrich? Keiner, aber immerhin verkörpert ein solcher Ansatz einen Hoffnungsschimmer, war doch im Vorlauf der Veröffentlichung zum zweiten Mal – denn auch „X&Y“ ging dies voraus – die Rede von einer revolutionären Neuerfindung der Band Coldplay. Nicht nur deshalb ließ sich ein einfaches „weiter so“ befürchten, ein viertes Mal der gleiche Brei. Die Jovi-U2-Nickelbackisierung der Band schien hauchdünn bevorzustehen und eine Blur-Radiohead-Pulpisierung fast ausgeschlossen. Ankündigung und Befürchtung führten zu einer realistischer Erwartung eines „sowohl als auch“, das als „weder noch“ doch tatsächlich umgesetzt wird. Dank Eno und Dravs zeigen sich Coldplay befreit und im Vergleich zu „X&Y“ rundum erneuert. So wäre 2005 vielleicht eine Höchstwertung für „Viva …“ möglich gewesen, aber in einer immer schneller werdenden Musikwelt hecheln Chris Martin und Kollegen einer Entwicklung hinterher – oder präsentieren eine massen- und stadion-kompatible Umsetzung bekannter popmusikalischer Leckerbissen. Eine Umsetzung, die gelingt, die vielleicht statt zehn Millionen Exemplaren nur neun – oder aber sogar zwölf – verkaufen mag, die aber vor allem doch eher langweilig daherkommt. Bei allem Größenwahn, den Titel, Cover und NME-Vorab-Feature andeuteten, kommt das Album ziemlich zurückgenommen daher. Die Band setzt erfolgreich das um, was Chris Martin im Gespräch mit dem Q-Magazin als zutreffende Beschreibung der musikalischen Bestrebungen der Band benannte: die Verbindung von Radiohead und Westlife.

Ein Lob verdient allerdings in allen Belangen Schlagzeuger Will Champion, dessen Verständnis für Percussion und Rhythmus das Album durchaus prägt und durchgehend zumindest ein gewisses Interesse weckt – nicht nur, aber besonders im ansonsten eher nervig-bemühten „Strawberry Swing“, dessen Intensität durch Chris Martins Gesang verwässert wird. Anspruch und Realität gehen überhaupt häufig auseinander auf „Viva …“. Das Popverständnis, die Anwendung der Formel für den perfekten Stadionsong und Ideenreichtum gehen meist nicht Hand in Hand, sondern streiten um die Vorherrschaft. Im Kompromiss unterliegt in der Regel die Idee. So wirkt „Cemeteries of London“ zunächst unwesentlich verquer, schwenkt dann aber um und besucht den „Joshua Tree“. Eine Richtung, die viele – oder alle – Songs hier einschlagen. Den Charakter des Albums in Relation zu den bisherigen drei Werken verkörpert vielleicht am besten „Lost!“. So sehr klassischer Coldplay-Sound und doch mit deutlich mehr Tiefe, aber eben zudem mit ganz viel des bekannten und ausgelutschten U2-Klangspektrums.

Zwischen Langeweile, U2-Radiohead-Arcade-Fire-Eintöpfen und gelungenen zukünftigen Klassikern stellt sich häufig die Frage, wie die Band die Worte Neuerung, Experiment und Eigenständigkeit versteht. Anders: Wenn ein Song – namentlich „42“ – aus drei Teilen besteht, die eher lose aneinandergereiht werden und in keiner Weise eine Einheit bilden, mögen das manche als total innovativ ansehen, am Ende bleibt doch nur ein misslungener Song. Einer, der weder an herkömmliche Coldplay-Songs (Sektion 1 und 4), noch an Radiohead (Sektion 2), noch an Supergrass (Sektion 3) heranreicht. Auch die drei Doppeltracks „Lovers in Japan / Reign of Love“, „Yes / Chinese Sleep Chant“ und „Death and All His Friends / The Escapist“ werfen Fragen auf. Britische Kundenfreundlichkeit (zwei für eins), falsch verstandener Erfindergeist, …? Interessanterweise folgen jeweils kleine Perlen auf reichlich belanglose Stadionrocker, wovon besonders „Death and All His Friends“ als langweilige Perfektionierung der angestrebten Ehe aus Radiohead und Westlife auftritt. „Reign Of Love“ erinnert an den einzig brauchbaren Song auf „X&Y“ („Til Kingdom Come“), „Chinese Sleep Chant“ ist wahrscheinlich die größte Annäherung, die Coldplay jemals an einen atmosphärisch dichten Noisepop Marke „My Bloody Valentine“ erreichen werden, und das Album beschließende „The Escapist“ entspricht der Eröffnung „Life in Technicolor“, nur diesmal mit Text, was den Track nicht verbessert, ihm aber eine lohnende zusätzliche Dimension verleiht.

Die wirklich positiven Einzelerscheinungen auf „Viva …“ bilden – in Maßen – die Vorabsingle „Violet Hill“ und – vor allem – der umwerfende, fantastische, wirklich grandiose Titeltrack „Viva La Vida“. Ersteres führt zwar bluesig-rockend in fast unverschämter Weise auf die falsche Fährte, setzt aber eben auch perfekt die Prämisse des „weder weiter so, noch vollkommen neu erfinden“ um. Letzteres dagegen… Hach, die verfluchte ITunes-Werbung ignorierend, erkläre ich es hiermit zu einem der Songs des Jahres, und auf jeden Fall zum Song des Albums. Wieder klingt vieles mit, das bekannt ist, natürlich geht der perfektionierte Coldplay-Sound nicht ohne Kitsch, und doch ist „Viva La Vida“ als Song der perfekte Indiepop, das perfekte hymnische Arrangement, absolut mitreißend.

Doch täuscht auch dieser überragende Song, dieser eine Hälfte der Coldplay’schen Möglichkeiten vollkommen ausschöpfende Track nicht darüber hinweg, dass „Viva La Vida or Death And All His Friends“ bei aller positiver Überraschung nicht alle Wunden heilt, die „X&Y“ aufgerissen hat. Vielmehr lässt es das ein oder andere vergessen, um gleichzeitig mit seinen überdeutlichen Bezügen zu Arcade Fire sowie der idiotischen Synthese aus Radiohead und Westlife neue Fragezeichen aufzuwerfen.

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