Gas – Nah und Fern

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Vier und eine halbe Stunde Musik. Vier Alben, erschienen 1996, 1997, 1998 und 2000. Jetzt wieder veröffentlicht, der Zeit angepasst – vielleicht – doch zeitlos – möglicherweise – als Vierfach-CD, als Doppel-Vinyl und als limitiertes Buch mit Fotos des Künstlers mit ausgewählten Tracks auf einer CD.

Es geht um GAS, um Wolfgang Voigt und seine Techno-Visionen. Wenn mir eine gute Stunde Marc Romboy schon zu viel ist, wie reagiere ich dann auf das fast Vierfache aus dem Hause GAS, auf GAS, Zauberberg, Königsforst und Pop – die Namen der nun wieder verfügbaren CDs? Ja wie?

Begeistert. Fasziniert. Verloren.

Doch wie kann dieser Masse an Musik gerecht geworden werden? Wie lässt sie sich zusammenfassen?

Zu Beginn erscheinen alle vier Alben dominiert von einem Gleichklang. Spannungsgeladene Tanzmusik präsentiert uns Kompakt hier nicht. Den Reiz jedes Tracks macht nicht zuletzt die Vorstellung aus, wie diese Tracks in einer orchestralen Umsetzung, einem symphonischen Arrangement klingen würden. So wie die Gas-Tracks in gewisser Weise ein Umstülpen der „Musik“ waren und sind, wäre dieses Vorgehen ein erneutes Innen nach Außen, das doch im Ergebnis ganz anders erschiene.

Jedes der vier Gas-Alben besitzt seine eigenen Charakteristika und stellt an sich jeweils ein absolut zeitloses Meisterwerk dar. Doch tatsächlich gewinnen sie in der Gesamtheit, im durchgängigen Genuss, deutlich hinzu. Die Wirkung, die diese 270 Minuten Musik, am Stück gehört, entfalten, geht vermutlich weit über das hinaus, was ein Wagnerianer bei einer Daueraufführung des Rings der Nibelungen verspürt.

Zunächst einmal bietet dieser Klangkosmos eine Zuflucht, sei sie regressiv oder einfach nur heimisch. Zudem durchdringt die Gesamtheit dieses Werks aber immer eine latente Bedrohung. Zum dritten, und vor allem, führen die Loops, die sich immer wiederholenden Drones, die Samples, die sich so gering entwickeln, aber es ganz subtil eben doch tun, nicht nur zu einer Auslöschung des wahrzunehmenden Außens, sie vermögen sogar auf beeindruckende oder beängstigende Art und Weise die Gesamtheit aller Sinneseindrücke zu einem Nichts zu reduzieren. Bei einer Arbeit – egal welcher – gehört, bestünde die Gefahr, den Hörer zu einer wandelnden Hülle zu reduzieren. Vielleicht würde er noch schematische Handlungen vornehmen, doch bewusstes Handeln wäre unmöglich.

Das klingt selbstverständlich wie mythologisch-geheimbündlerischer Quatsch, wie Gurugelaber eines vor sich hin philosophierenden Meditationsesoterikers. Kaum etwas wäre jedoch eine falschere Wahrnehmung der ambienten Klangstrukturen, die Wolfgang Voigt auf diesen vier Alben entwirft. Ohne jeden esoterisch-verbrämten Gedankengang, ermöglicht – nicht erzwingt – dieser dahin fiebernde Sound ein vollkommenes Ausschalten der Außenwelt und persönlicher Sorgen, ein Entleeren des Geistes.

Der erwähnte Gleichklang, die dauernde hypnotische Wiederholung der nur minimal variierenden Strukturen, schreckt sicher den ein oder anderen ab. Die ohne jeden Beat auskommende Ambientkulisse des ersten Tracks auf „Gas“ durchzustehendann, wird nicht jedem Hörer möglich sein. Langeweile darf niemandem übel genommen werden. Doch fesselt dieser Track trotz allem und wenn im zweiten Track sofort der herzklopfende 4/4-Takt einsetzt, verschmelzen Psyche, Körper und Musik. Gäbe es eben diesen Beat nicht, ließe sich der Klang von Gas – dem Projekt – als rauschhaftes Rauschen bezeichnen, als wissenschaftlich bezeichnetes Rotes Rauschen, das ein Gedächtnis hat, aber doch eben als Zufallsprodukt wahrnehmbar ist.

„Gas“ – das Album – ist vor allem Ambient, mehr noch als die anderen drei CDs, doch prägt sein erster Eindruck die Gesamtwahrnehmung der vier Alben. Nicht zuletzt leitet die regnerische Nacht des fünften „Gas“-Tracks hinüber in die Atmosphäre des „Zauberberg“ und „Königsforst“, wogegen der abschließende sechste mit seinem eher analog-futuristischem, niederfrequentem – in seiner Wiederkehrzahl – und klanglich hochgepitchtem Dröhnen der Beendigung dieses – wie wir jetzt wissen, ersten – Kapitels dient.

War der Beginn schon dunkel, steigert „Zauberberg“ die Paranoia noch. Wieder startend mit einem noch reiner ambienten Track. Sobald das vielleicht düsterste Stück dieser vier Alben – der zweite „Zauberberg“-Track – beginnt, geht die Welt unter. Besonders das eher nach Röhrenradio klingende Pulsieren des Herzschlags verströmt eine erstaunlich biologische Körperlichkeit. Die von Wolfgang Voigt bereits vor seiner Gas-Zeit praktizierte Idee der Vermischung von klassischen Samples und Beats treibt der Künstler hier auf einen Höhepunkt. Seien es Streicher- und Horn-Loops aus dem Wagner’schen Schaffen oder nicht, mag Voigt damit tatsächlich nach einer entschieden deutschen – im Sinne von Folklore und Mythologie – Form der Pop-Musik streben und sich mit beidem damals in einen kritisierenswerten nationalen Kontext manövriert haben, der magischen Wirkung der Musik tut dies keinen Abbruch. Solange beides nicht mit einer politisch-nationalistischen Attitüde transportiert wird, muss ich das nicht ignorieren, sondern kann es einerseits wissend verarbeiten und andererseits im Kontext der Musik als Nebensache betrachten. Sei dem, wie dem sei, sollte im Rahmen der vier Gas-Alben ein Gesamthöhepunkt ausgemacht werden müssen, ginge dieser Titel sicher an das unheilvoll schwere „Zauberberg“.

Wobei ein solches Ranking der Akte dieses Gesamtwerks im Grunde lächerlich erscheint. „Zauberberg“ mag z. B. am intensivsten sein, doch gerade „Königsforst“ überzeugt durch die erhöhte Vielfalt der Sounds, durch die kurz- und mittelfristigen Entwicklungen, denen die Tracks unterliegen. Die Ursprünge der klassischen Instrumental-Samples scheinen hier deutlicher, erkennbarer folgen einzelne Elemente aufeinander. Der organische Beat ist da, dominiert jedoch nicht so deutlich und Track 3 glänzt gerade durch seine Abwesenheit. Albumname und (ursprüngliches) Cover suggerieren hier nicht nur die Atmosphäre eines dichten Waldes, auch die Musik transportiert dies sehr überzeugend und – erstaunlicherweise – fast hell und licht. Auffälliger als bisher erscheint in diesem naturalistischen Bild der zusätzliche Einsatz von Synthesizern. Wie „Zauberberg 3“ sticht „Königsforst 5“ aus der begeisternden Gesamtheit „Nah und Fern“ heraus. Mehr als in allen anderen Tracks entwickelt sich hier eine klangliche Landschaft mit imaginativer visueller Kraft. Nicht nur das langsame Erscheinen des Beats aus den variierenden Orchesterbläsern, sondern insbesondere sekundäre Klänge, die aufblitzen und verblassen, geben diesem Stück den Charakter einer großen cineastischen Eröffnung – eine ganze Viertelstunde lang.

„Königsforst“ entlässt uns fiebrig-flirrend. Eine Charakterisierung, die „Pop“ aufgreift, umgesetzt mittels feucht tropfender Sounds im ersten Track. Im Zentrum dieser Voigt’schen Populärmusik – die es tatsächlich ist – stehen mehr als sonst eine Farbigkeit und eine Stofflichkeit der Musik. Samples und Drones – „Dröhnen“ – erklingen und lösen die Assoziationen einer künstlerischen und / oder handwerklichen Betätigung aus. Erzeugt wird dies nicht zuletzt durch die Variation von Lautstärken und Abspiel-Geschwindigkeiten bzw. eben Wellenlängen und Frequenzen der sich mehr und mehr auch von Track zu Track ziehenden, gleich bleibenden Loops. Wie ein Bild durch das Hinzufügen von Schichten wächst, sich entwickelt, sich verändert oder eine Skulptur sowohl durch Wegnehmen wie durch Ergänzung entsteht, so wachsen hier die musikalischen Kunstwerke. Zoomen, loopen und verfremden, lässt Voigt selbst ausrichten, seien seine Mittel. Während die ersten beiden Tracks hier die feuchte Atmosphäre zwischen Regenschauern aufbauen, verdichtet Track 3 dies zur bedrohlichen Schwüle vor einem einsetzenden Gewitter. Synthesizer und sachtes Aufblubbern eines Beats führen hierzu. Den Titel „Pop“ verdeutlicht dagegen der fast tanzbar-hypnotische „Pop 4“, der als erster „Pop“-Track einen echten Beat besitzt – etwas, das jedoch nur auf die nachfolgend surrenden, vibrierenden elf Tinnitus-Minuten vorbereitet. Pitchforkmedia.coms Mark Richardson nennt es „Klangsamt“. Zwischen Samt und Tinnitus liegt die Wahrheit. Sowohl „Pop 5“ als auch „Pop 6“ dienten ganz offenbar Anthony Gonzalez als Vorbild für viele der Strukturen auf „Before The Dawn Heals Us“. Wo der „Samt“ die Gesamtatmosphäre inspirierte, entspricht Track 6 klanglich vollkommen den paranoiden Strukturen, die auch besagtes M83-Album ausmachen, bzw. dessen Fundament sie bilden. Eine verstörende Schwere und Düsternis durchdringt weiter auch den Abschluss von „Pop“ wie auch der gesamten „Nah und Fern“-Box. „Pop 7“ vereint erneut die Gesamtheit dieser vier Stunden, hier gegossen in die Form eines stampfenden Herzschlags, der vibriert, eine Fehlerhaftigkeit besitzt und vom Atmen der dröhnenden Samples gedoppelt und synkopiert wird. Nach erneut etwa einer Viertelstunde entlässt uns Voigt in unser eigenes Leben: Einen Zustand, der nach dieser Erfahrung nicht wirklich erwünscht ist.

Bei aller Qualität jedes einzelnen Tracks und jedes einzelnen Albums in dieser Box besteht die unumstößliche, die zeitlose, die überwältigende künstlerische Meisterschaft der vier GAS-Alben tatsächlich in der perfekten körperlichen Wirkung der Musik, die diese vier und eine halbe Stunde auslösen. Wie die beste Musik von Klassik über Rock bis Techno ermöglicht dieses Gesamtkunstwerk einen vollkommenen Selbstverlust. So sehr das unterhält, unterhalten will und soll, so sehr geht GAS’ „Nah und Fern“ über bloßen musikalischen Zeitvertreib doch hinaus.

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