The Roots – Rising Down

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Ziemlich genau zwanzig Monate vergingen zwischen „Game Theory“ und „Rising Down“. Das je nach Zählung zehnte oder achte (Studio-)Album der Roots hält sich also brav an den inzwischen gewohnten Zweijahresrhythmus des Kollektivs aus Philadelphia. Auch sonst hat sich wenig geändert im Kosmos um Black Thought, Ahmir „?uestlove“ Thompson und Konsorten.

Neben der illustren Gäste-Schar – u. a. Mos Def, Malik B., Mercedes Martinez, Talib Kweli und Common – überzeugt „Rising Down“ vor allem durch seine rohe Unmittelbarkeit. Die Instrumentierung ist unauffällig bis minimal, im Zentrum stehen einerseits die Raps, seien sie von Black Thought oder den Gästen, sowie und vor allem die Beats, ob sie nun aus der Box kommen oder – wie fast durchgängig – ?uestloves Schlagwerk entstammen.

Roh und hart, mit dem bandtypischen Maß an jazziger Seele übertrifft das Album den Durchschnitt aus „Game Theory“, „Tipping Point“ und „Phrenology“ doch deutlich. Daran können nicht einmal das eher mittelmäßige „I Will Not Apologize“ oder die äußerst berechnende, auf intensiven Marktanalysen basierende Nummer „Birthday Girl“ (featuring Fall Out Boys Patrick Stump) etwas ändern. Apropos „Birthday Girl“. So deplatziert es hier wirken mag, so wenig ist es doch eigentlich ein schlechter Track. Seicht und einprägsam stört es mich deutlich weniger als z. B. One Republic, Fall Out Boy in echt oder Maroon 5. Sollte die Nummer dafür sorgen, mehr Leuten „The Roots“ nahe zu bringen: Gut so.

Schon der Titeltrack mit Mos Def am Mic stellt klar, wo die Reise hier hingeht. Ein verschlepptes Schlagzeug scheppert sich langsam vorwärts, da muss Mos Def kaum noch was tun, um den Track gelingen zu lassen. Allerdings wird dieser Song gnadenlos in den Boden gestampft von „Get Busy“ mit Dice Raw und Peedi Peedi an den Mikrofonen. So roh, hart, echt haben The Roots lang nicht mehr geklungen. Wäre Hardcore nicht so ein ausgelutschtes Prädikat, würde es passen. Kaum durchstanden knallt – nach kurzem Interlude – „75 Bars (Black’s Reconstruction)“ durch, rein und auf. Selbe Baustelle, gleiche Qualität.

Auch wenn „75 Bars“ und „Get Busy“ die Tracks darstellen, die einen mit offenem Mund vor den Boxen kleben lassen, bleibt der Rest des Albums meist nur geringfügig hinter ihrer Qualität zurück. Aber was heißt das schon? Wenn die eine Hälfte der Stücke mit zum Besten gehört, was die Band bisher veröffentlicht hat, lässt es sich durchaus verschmerzen, wenn die andere Hälfte nur einfach gut bis sehr gut ist. Weiter besonders erwähnenswert sind der düster pulsierende Soulrap „I Can’t Help It“ (mit Unterstützung von Malik B, Porn, Mercedes Martinez und Dice Raw) und das stampfende Schlagzeugmonster „Lost Desire“ mit Malik B. und Talib Kweli. Aber auch Common und Dice Raw im perfekten, synthetischen Soul „The Show“ liefern großes Kino ab, ebenso wie Wale und Chrisette Michele mit „Rising Up“.

Bei aller grobschlächtigen Kompaktheit des Klangs auf „Rising Down“ präsentieren sich The Roots hier tatsächlich an einem Höhepunkt ihres Schaffens. Um die Angst zu nehmen, alles sei hier streng und unerbittlich: Die soulige zarte Seite darf immer wieder Mercedes Martinez stärken, die nicht nur, aber vor allem mit der Miniatur „Unwritten“ in eine Liga mit Erykah Badu vorstößt. Alles in allem mehr als einfach ein weiteres Album der Roots, nämlich ein durchgängig ausgesprochen gutes Album der Roots.

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