Rummelsnuff – Halt Durch!

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Braucht dieses Land Elektroschlager? Eine Frage, die sich in den letzten zehn Jahren schon häufiger stellte. Braucht dieses Land unfreiwillig provokative Pointen wie Rummelsnuff? Eher nicht. Schadet ein überdimensioniertes Muskelpaket, das in zwischen queer und faschistoid pendelnden Posen über stumpfe Electrobeats mit tiefstem Bass Seemanns- und Großstadtgeschichten erzählt? Sicher nicht.

Nicht alles, was neu klingt, ist gut oder auch nur neu. Nicht alles, was auf den ersten Blick wie Witt oder Rammsteinkopie wirkt, ist schlecht.

Der erste Eindruck von Rummelsnuff und seinem Album „Halt Durch“ schreckt ab, die verdiente zweite Chance weckt Neugier, eine lang anhaltende dritte mag sogar die Begeisterung der Rezeption der ZickZack-liebenden Medien Intro und Spex bestätigen. Überwindet der Hörer die Widersprüchlichkeit aus 50er-Jahre-Jahrmarkt-Kitsch und Männlichkeits-Lyrik, die ein Track wie „Ringen“ im Übermaß verströmt, entfaltet die Rummelsnuff’sche Musik eine durchaus tief wirkende Faszination. Der Muskelsportfreund Roger Baptist versteckt in seiner vordergründig grobschlächtigen Musik nicht nur zauberhafte Popmelodien (z. B. „Halbstark und Laut“), große Gefühle („Halt Durch“) und ein feines Gespür für kleine Geschichten. Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der Baptist sein Rummel-Alter-Ego ausstattet, verströmt das Album natürlich immer einen gewissen Duft der Ironie. Im Gegensatz zu anderen selbst erklärt ironischen Provokateuren, erscheint dies hier jedoch glaubhaft, entspringt der Geist von „Halt Durch“ doch im Kern den elektronischen Jüngern und Kindern der Generation „Verschwende Deine Jugend“.

Überzeugt das Album fast in Gänze und besonders in der Devo-Coverversion von „Mongoloid“, stellt es mich mit dem von Rummel-Kollegen Roman Shamov getexteten und vorgetragenen „Fett in die Fresse“ doch vor arge Probleme. Zum einen vielleicht die stärkste Lyrik des Albums, zum anderen ungebrochene Gewaltformulierungen, deren Subebene – jenseits von einer psychoanalytischen Selbsttherapie – doch eher unklar bleibt.

Interessant. Nicht schlecht. Seltsam. Häh. Totalitäre (in diesem Fall jedoch DDR-) Körperästhetik trifft auf deutschen New-Wave-Electro-Punk und gesamtdeutsche 50er-Jahre-Seemanns-Romantik. Das ist irgendwie pervers gut, schafft es jedoch dennoch nicht, den von Linus Volkmann lokalisierten „Indie-Spießer-Puristen“ in mir vollkommen auf seine Seite zu ziehen, … aber fast. „Der Hund“, „Halt Durch“, „Halbstark und Laut“, „Mongoloid“, „Rummelkäpt’n“, „La Rochelle“ und „Kumpel“ argumentieren schon sehr überzeugend für den Angeklagten Rummelsnuff. Aber ich fand ja auch Stalins „Leg Sie Um“ schon … ziemlich interessant.

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