R.E.M. – Accelerate

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Es sind nur R.E.M oder REM oder halt Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills. Es ist einfach Rock(’n’)Pop. Kein Grund sich nass zu machen.

Die Fans und Freunde – also auch ich – kaufen eh jedes neue Album, egal ob es nun wieder rocken soll, oder einfach den gewohnten Rockpop liefert. Nenn es Nostalgie, wir wissen wie es klingen wird, und hören es genau deshalb – mindestens einmal. Kaum eine Band hat sich so wenig gewandelt, wie die Jungs aus Athens, und gleichzeitig so ihren Status gewahrt, ohne dabei eine peinliche Kopie ihrer selbst zu werden.

Das öffentliche Bild wahrten R.E.M. eh meist mittels ihrer Singles. So bösartig es klingen mag, war die Band doch meist eine Singles-Band. Die Auskopplungen hielten sie auf dem Berg und ließen sie das Tal vermeiden. Umso mehr schmerzt es mich, wenn die Vorabsingle zu Accelerate – „Supernatural Superserious“ – spätestens im Refrain in den Zeilen „humilation. / of your teenage station“ tatsächlich nur noch nach Kopie weniger der Band selbst als eines längst vergangenen Mittneunziger-Rockpops klingt, einer Musik zwischen „Reality Bites“-Soundtrack und Soul Asylum. Eine Single, die all das vermissen lässt, was die Band ausmacht, und was diese doch weitgehend auch auf dem Album zu präsentieren weiß. „Supernatural Superserious“ erscheint momentan wirklich als der schlechteste Song, den R.E.M. seit langem geschrieben haben.

Dennoch stellt die Aufforderung zur Beschleunigung ein lohnendes Album nicht nur für die Fans und Radiohörer dar. In gewisser Weise schafft die Band es tatsächlich, die Energie umzusetzen, die der Titel impliziert. Wie ein U-Turn oder ein Reifen-Burnout steht das Album zur gemütlichen Sonntagsfahrt der jüngeren, Album gewordenen Bandvergangenheit.

So stürzt „Accelerate“ sich jugendlich-stürmisch mit „Living Well Is The Best Revenge“ in unsere Gehörgänge. Es wirkt fast, als könne die Band selbst nicht warten, die aufgestaute Energie loszulassen. Gitarre, Schlagzeug, Stipes und Background-Vocals geben eine homogene, mitreißende auditive Masse, die in all ihren Einzelheiten kaum vorhersehbar war, noch während des Hörens ist. Allerdings versucht die Band damit auch ein wenig, uns Sand in die Augen zu streuen. Im Folgenden bringen „Man-Sized Wreath“, die erwähnte Vorabsingle und „Hollow-Man“ wenig mehr als R.E.M. auf sub-optimalem bis normalem Niveau. Die Durchschnittlichkeit durchbricht erst wieder „Houston“, wobei die Stärke mehr in den kleinen subtilen Elementen liegt, als im zugrunde liegenden Songwriting. Letzteres verweist doch wohl vor allem auf die ursprünglichen, zur Bandgründung führenden Vorbilder. Ähnlich geht es dem kontrollierten Vorwärtspreschen des Titeltracks. Wer sucht, findet genug überraschendes, wer anders schaut, dem stößt die Melodieführung zum Refrain mehr als übel auf. „Until The Day Is Done“ ist vertrautester R.E.M.-Klang mit einem gemütlichen Verweis gen Sgt. Pepper’s.

Inwieweit danach „Mr. Richards“ Nerven tötet oder begeistert, wird die Zeit zeigen, gleiches gilt für den späteren Abschluss „I’m Gonna DJ (At The End Of The World)“. Ebenfalls auf der Kante, hier jedoch zwischen faszinierend und langweilig balanciert „Sing For The Submarine“. Hypnotisch-meditativ für die einen, lang gezogen wie ein Kaugummi unter dem Lieblingsschuh für die anderen. Umso überraschender erwischt uns dann „Horse To Water“, kaum da, schon vorbei, ein Adrenalinschuss, der deutlich länger Auswirkungen hat, als man es gedacht hätte.

Der Fan mag’s, der durchschnittliche Musikhörer auch. Für den verkopften Musiksucher sicher nicht wichtig, aber trotzdem auf lange Sicht möglicherweise lohnenswert. Die Rettung des alternativen Rockpop? Hust. Tschuldigung, ich musste lachen. Das „Erfolgs-Comeback“ der Band R.E.M.? Ich wüsste nicht, dass das nötig sei.

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