Nôze – Songs On The Rocks

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„Songs on the Rocks“, Lieder auf Eis, gerührt, nicht geschüttelt. Die Warnhinweise sind überdeutlich, von „Querulanten“ ist die Rede, von „exzessiver musikalischer Erheiterung und grobem Unfug“, von bandtypischen „Perversionen“, Nôze wollten uns an den „Wert des Skurrilen“ erinnern. Die Zahl der Nebenwirkungen, die der Beipackzettel in Form von lobenden Adjektiven bereithält, ist unüberschaubar. Entsprechend schreit Nicolas Sfintescus und Ezechiel Pailhes’ drittes Album durchgehend: „Wir sind schlauer als ihr! Wir sind witziger als ihr!“

Und stimmt das? Ähm, nein.

Instrumentaler Größenwahn, melodiöse Kleinkindlichkeit und lyrische sowie vokale Absurdität mit nur geringer Cluborientierung können toll sein. Matthew Herbert beweist das mit seinem Schaffen immer wieder. Der ganz offenbare Wunsch, alles besser zu machen als die Kollegen, die Betonung der eigenen „Künstler“ischen Qualität – oder Qualifikation – machen „Songs on the Rocks“ in seiner Gänze, auf Albumlänge zu „Songs of Rocks“; Tracks, schwer wie Acme-Ambosse prasseln auf einen herab, begraben einen. Glücklicherweise kann man ausschalten.

Dabei haben die einzelnen Tracks durchaus ihre Reize, die aber treffsicher spätestens dann zerstört werden, wenn Sfintescu den Pseudo-Tom-Waits und sein lächerliches Bluesgrunzen zum Besten gibt. Auch als unbedeutende Ablenkung vom Brabbeln des alltäglichen U-Bahn-Alkoholikers helfen die neun Tracks auf Eis, … solange Sfintescu nicht „singt“. Abgesehen von dessen gekünstelter, äh kunstvoller Ohrenvergewaltigung jedoch, offenbart fast jeder der Songs Qualitäten, doch in der Gesamtheit des Albums langweilen die immer gleichen Formeln, führen diese Cocktails nicht zum Zuckerschock, aber zu einem verfrühten Kater.

Neun Tracks? Naja, acht, denn die „Pop-Version“ des Nôze Hits „Kitchen“ verliert sich als füllende Miniatur am Ende. Vorher schon belagern die Nummern den Pol der Aufmerksamkeit, den Preis für die kreativste Übertreibung. Während der „Childhood Blues“ dabei vor allem als Ohrenbeleidigung durchgeht, hat er mit der Mehrzahl seiner Mitschüler gemeinsam, dass sie alle von „L’inconnu Du Placard“ bis „Remember Love“ erscheinen wie die Untermalung einer feiernden Kakerlaken-Parade in einem eher guten Anime. Den einzigen Unterschied bildet das zugrunde liegende Genre. Einmal eher housig („Remember Love“), ein andermal den Shantel machend als Klezmer („Little Bug“). Schön, dass letzterer dann den Käfer gleich im Namen trägt. Am besten als Psycho-Anime-Thriller-Untermalung macht sich noch „Slum Girl“ – wäre da nicht Sfintescu –, dessen Ausgangsidee offenbar schon die Schaffung eines Film-Scores war. Natürlich gehen Nummern wie „You Have To Dance“ oder das tatsächlich großartige „Ethiopo“ – Beat und zersetzte Flötensamples, toll – in die Beine, doch auf Dauer … ist jeder weitere Ton ein Tropfen Schwefelsäure auf meine Hörnerven.

In einer Zeit, in der das eigentliche Geschäft international eh mit Downloads gemacht wird, dürfte das für Nôze und ihr Label Get Physical vielleicht gar kein so großes Problem sein. Mit „Ethiopo“ – sowie „Slum Girl“ und „Remember Love“ – finden sich immerhin bis zu drei Nummern auf „Songs on the Rocks“, die den Online-Einkauf mehr als lohnen. Und wenn der Hörer schon einmal bei Beatport, iTunes, Boomkat, Finetunes oder, oder, oder ist, sollte er gleich noch „Danse Avec Moi“ mitnehmen, die absolut gelungene Kooperation von Nôze mit der fantastischen Dani Siciliano.

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