Malcolm Middleton – Sleight Of Heart

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Es gab eine Zeit, da brachten Künstler im Abstand von – sagen wir – neun Monaten neue Alben heraus. Vor nunmehr vierzig Jahren ohne die große Konkurrenz und ohne die Möglichkeit, Hunderttausende von Platten zu verkaufen, bot nur dieser hohe Output die Chance, von der eigenen Musik zu leben. So erschienen in acht Jahren zwölf Alben der Beatles, und die Byrds brachten es in der gleichen Zeitspanne sogar auf vierzehn Veröffentlichungen – allerdings inklusive Hitsammlungen.

Die schmalere Hälfte der großen Arab Strap – Malcolm Middleton also – scheint den klassischen Vorbildern zu folgen. Fast genau ein Jahr nach „A Brighter Beat“ erhalten wir die Möglichkeit, die Überreste der zugehörigen Aufnahmezeit zu genießen – ergänzt um drei Cover-Versionen –, und über dem nächsten Album wird bereits gebrütet. Wie schon beim Vorgänger unterstützen Middleton dabei Glasgower Mitbewohner wie z. B. Mogwais Barry Burns oder Paul Savage (ehemals Delgado).

Eine Kritik an „A Brighter Beat“ bestand meinerseits darin, es sei zu bombastisch, pompös, üppig. Nichts davon findet sich auf „Sleight Of Heart“. Reduziert auf die Akustikgitarre und die Stimme, finden Verzierungen wie Piano, Schlagzeug, Geige, Bass oder Background-Gesang nur in Ausnahmen statt, becirct Middleton mit diesem Album auf das Unglaublichste. Wo mir der nominell heitere Vorgänger zu wenig einprägsam erschien, packt der Nachfolger mich sofort, lässt mich die Flasche Aberlour hervorholen, mich in die düstere Weltsicht und Weisheit des Künstlers einhüllen und den Selbstverlust sowie die Selbstreflexion feiern.

Wo vor einem Jahr von Middletons Gesang abgelenkt werden sollte, steht er hier im Mittelpunkt. Mögen zu Beginn in „Week Off“ noch Klavier und Schlagzeug Lebensfreude und Glück verströmen, bricht uns der Text doch metaphorisch die Nase: „Es ist einfach, Dich selbst zu hassen, es ist schwer, das sich reimen zu lassen.“ Verzaubert und verloren, lasse ich mich ein auf diese perfekte Einheit aus Sprache und Musik, diese von schottischem Regen rein gewaschene musikalische Perle.

Die Schönheit eines verregneten, von stürmischen Böen durchzogenen Tages, das verkörpert „Sleight Of Heart“. Von Anfang bis Ende fängt es die Stimmung des (aktuellen) Wetters vor meinem Fenster ein. Neun perfekte Songs, bei denen die Höhepunkte im Grunde durchgängig sind, die Spannung aufrechterhalten wird und zu keinem Moment Langeweile aufkommt. Middletons Talent verhindert gar, sich in dem siebenminütigen „Love Comes In Waves“ zum Skippen verleitet zu sehen.

Da bleibt unverständlich, wenn er in „Total Belief“ singt, „I’ve never, had an original thought in my brain“, und seinen „total belief in the depth of my unworthiness“ betont. So trägt „Sleight Of Heart“ nicht nur uns auf seinen wundervoll todesschwangeren Flügeln, sondern lässt uns zudem eins werden mit den Gefühlen des Künstlers – zumindest wenn wir auch nur ein wenig so gestrickt sind wie dieser. Wem Simone White vordergründig doch etwas zu „Beep-Beep“-bunt ist, den wird „Sleight Of Heart“ erden, und wer bei ihr hinter die Fassade gelangt ist, den spricht es erst recht an.

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