Duffy – Rockferry

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„Igitt, Amy Winehouse, und worum ging’s hier noch mal?“ fragt ein Nutzer in Helgas Forum – allerdings auf Adele bezogen –, um zum hier zu betrachtenden Thema mitzuteilen: „Find’s langweilig bis nervig.“ Ein anderer unterstützt und sagt: „Radiokompatibles Alternativpüppchen. Muss ganz und gar nicht sein.“

Musiknazitum in Perfektion, aber davor ist nun einmal kein echter Musikfan gefeit. Der eine mag Soulpop nicht, ich disse Bosshoss-Mist und muss mir dafür Radiohead beleidigen lassen. Wobei, das erste Hören von Duffys Album „Rockferry“ versetzte meine Stirn ebenfalls in zweifelnde und angestrengte Runzeln. Glücklicherweise mahnte im Hintergrund nicht nur Adeles „19“ zu Geduld. Schon Amy Winehouse und Joss Stone brauchten mehr als die gerechte Anzahl an Hördurchgängen, um ihren musikalischen Reiz zu verdeutlichen.

Damit wären dann auch die üblichen Verdächtigen für Vergleiche gefunden. Wo die britische Presse das nächste Soul-Wunder(chen) sucht, findet sie doch nur das Album einer kontinuierlich über vier Jahre aufgebauten konservativen Soul-Interpretin, die mehr oder weniger stark aktiv als Künstlerin am Entstehungsprozess beteiligt war. Wie auch immer. Vergleiche mit Frau Winehouse hinken wie schon bei Adele großteils, allein „Scared“ und die Single „Mercy“ fallen tatsächlich hundertprozentig in die gleiche Rubrik. Der Erscheinungszeitpunkt – und „Mercy“ – deuten natürlich auf die Lust am Amy-Winehouse-Erfolg hin, die kolportierte mehrjährige Produktionszeit streitet das ab und sagt doch nur, dass ursprünglich der Joss-Stone-Effekt angepeilt gewesen sei.

Wie bei Konkurrentin Adele gehen die publizierten Meinungen weit auseinander, so lala bis großartig, alles ist vertreten. Ebenfalls wie bei der Konkurrenz beeindruckt die Liste der Kollaborateure – vorneweg Suedes Bernard Butler, dazu Steve Booker (Natalie Imbruglia) und Jimmy Hogarth (James Blunt, KT Tunstall), sowie einmal mehr Eg White. Anders als bei Adele jedoch hat dieses Team Aimee Anne Duffy ein Album zusammengeschustert, das die sichere Seite bevorzugt. Eine Seite, die sowohl die Winehouse-infizierten Youngster, die Soundtrack-(vielleicht sogar Tarantino)-geschulten Nerds als auch die über-49jährigen anspricht. Seelenvoller Pop, den die jüngeren Konsumenten eben nur aus der Werbung oder von anspruchsvoll zusammengestellten Soundtracks kennen. Andreas Borcholte spricht da von „naive[r] und sehnende[r] Musik aus der Prä-68er Ära“ und Thomas Winkler ebenfalls bei Spiegel-Online von der Befriedigung „[des] Verlangen[s] des Publikums nach abgesicherten Werten“, das er sofort mit der Unsicherheit in der Musikindustrie verknüpft.

Wo letzterer Bezug nicht unbedingt zwingend erscheint, treffen doch die „Prä-68er Ära“ und „das Verlangen … nach abgesicherten Werten“ den Kern dessen, was den Reiz an der Musik Duffys und ihrer Peers, aber insbesondere eben Duffys, ausmacht. Sicherheit, ein gehöriges Maß an kitschig verstärkter Emotion – nicht nur die Bläser in „Distant Dreamer“ –, vertraute Arrangements – vom langsam dahin schleichenden majestätischen Titelstück bis zum staxig-motownigen „Delayed Devotion“ und eine außergewöhnlich und doch wohltuend einprägsame Stimme geben „Rockferry“ einen Charme, der zielgruppenunabhängig funktioniert. Wohl nur eindimensionale Musikgeschmäcker oder absolute Popverachter – Menschen, denen die geringste Süße in einem Musikstück den Geschmack verdirbt also – dürften sich der Anziehungskraft des unter Bernard Butlers Ägide entstandenen Werks entziehen können.

Natürlich erinnert „Warwick Avenue“ an „My Girl“, sicherlich versucht „Hanging On Too Long“ unser Unbewusstes mittels „I Heard It Through The Grapevine“ zu kitzeln und wenn jemand „Stepping Stone“ vorwirft, es erinnere an „Walk On By“, kann ich nicht widersprechen. Aber ganz ehrlich, das ist mir egal. Wenn der Rock’n’Roll von Schweden über das UK bis nach Amerika schamlos immer wieder von 1965 bis 1985 alles klauen und wiederverwursten darf, ohne sich übermäßige Vorwürfe des langweiligen Kopierens anhören zu müssen – dessen er in meinen Augen mehr als nur schuldig ist –, dann gibt es keinen, aber wirklich gar keinen Grund, warum der Pop nach vierzig Jahren nicht die Pracht des Sixties-Souls in all seinen Tiefen, Weiten, Höhen und Längen erneut ausschöpfen dürfte. Die Frage nach der Halbwertzeit? Länger als euch lieb ist. Die Frage nach dem „radiokompatiblen Alternativpüppchen“? Purer Neid.

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