The Magnetic Fields – Distortion

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Der geneigte Leser von Besprechungen des neuen Magnetic-Fields-Albums „Distortion“ kann sich sicherlich des Eindrucks nicht erwehren, die Schreiberlinge kämen nicht aus ohne die Erwähnung des 1999er Mammutwerks „69 Lovesongs“. In der Tat äußere ich nur zu gern meine Überzeugung, es handele sich dabei um das essentielle Werk des Stephin Merritt und seiner (wechselnden) Mitstreiter. Zumindest galt diese Überzeugung seit dem Erscheinen bis zum Tage des Eintreffens von „Distortion“.Natürlich bleibt die Wirkung, die – trotz einiger Schwächen – umwerfende, umfassende und kaum erfassbare Schönheit der 69 Liebeslieder erhalten, doch erscheint „Distortion“ wie eine eingekochte, auf das Nötigste reduzierte, bösartige, zerstörerische, satirisch-düster verstörende Essenz des bisherigen Kerns des Magnetischen Feldes. Vom eröffnenden „Three-Way“ bis zum beschließenden „Courtesans“ versteckt sich der Merritt’sche Zuckerpop hinter chaotischen Rückkopplungen, quer zueinander laufenden Instrumenten und den Versuchen der Musiker, jedes Instrument zu verzerren und zu entstellen. Der Pop soll sich verstecken? Nein, vielmehr erscheint es, als liefe diese supermodelhafte musikalische Schönheit, die den Songs in Text und Melodie innewohnt, unbeeindruckt über den Schrottplatz, der sie umgibt. Die Abbruchhalde des Lebens?

Diese zarten kleinen Poppflänzchen, die sich unbeirrt ihren Weg freikämpfen, werden dabei von Band und Rezeption in das absurde Spannungsfeld zwischen Jesus And Mary Chain und Beach Boys eingeordnet. Die Zustimmung zu einer solchen Beschreibung lässt sich kaum verweigern, doch ließe sich ebenso gut sagen, es klänge als hätten Lou Reed und Belle & Sebastian ein gemeinsames Album produziert. Wichtig bleibt doch nur: Songs wie „California Girls“, „Mr Mistletoe“, „Please Stop Dancing“, „Too Drunk To Dream“ oder „The Nun’s Litany“ bezaubern, reißen mit, erzählen realistisch-fantastische, düster-melancholische Geschichten und präsentieren die Art von Pop, die in einigen Jahrzehnten noch Menschen berühren und sie zum Musizieren animieren wird. Ob dabei Cello, Piano und Akkordeon zum Vibrieren und Rückkoppeln gebracht werden, oder es Gitarre, Schlagzeug und Stimme allein sind, die klar und deutlich die Seele berühren, ist im Effekt gleich. Wichtig bleibt zudem bei den „Magnetic Fields“ in 2008 wie vor neun Jahren das Spannungsfeld aus dunklem Bass und perfekten Popharmonien, aus Stephen Merritts und Shirley Simms Gesang, die Geschichten erzählen, ihnen Leben einhauchen. Wenn dieser Reiz von der Musik dann aufgefangen und verstärkt wird, wertet dies „Distortion“ von einem guten Album, das gefällt, aber nicht viel mehr, auf zu einem beeindruckenden Werk.

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