Ruben Cossani – tägliche Landschaft

Im deutschen Pop erleben wir in den letzten Jahren immer wieder das Aufkommen und den Erfolg von Künstlern, deren Musik zwar technisch anspruchsvoll sein mag, die jedoch aufgrund ihrer Leichtverdaulichkeit oder mangelnden Sättigung eher als Schlager bezeichnet werden könnte. Fastfood sozusagen. Annett Louisan, Roger Cicero, Stefan Gwildis. Bezeichnend ist vielleicht, wie dieser Erfolg in meiner Wahrnehmung durch Radiorotation in Norddeutschland forciert wird.Auf der anderen Seite gibt es Künstler, die mit ähnlichen Mitteln vorgehen, und doch eher Slowfood produzieren, was vielleicht an ihrem Erfolg – oder doch eher dem relativen Ausbleiben des selbigen – abzulesen ist. Bazooka Cain, Les Garcons, Bernd Begemann.

Mitten zwischen beiden könnte man Echt ansiedeln, damals, vor fast unwahr langer Zeit. Eine Fastfood-Band mit Slowfood-Songwritern sozusagen. Damit wären wir bei Michel van Dyke angekommen und mit ihm bei einem der Köpfe von und hinter Ruben Cossani.

Schnell oder langsam? Eine Gemeinsamkeit mit zwei der erwähnten, gering sättigenden Künstlern (Annett und Stefan) haben die Newcomer um den alten Hasen van Dyke. Auch sie erscheinen bei der Hamburger Plattenfirma 105 Music. Mit diesem Partner sollte mittelfristig dem großen Erfolg nichts im Weg stehen, aber können Michel van Dyke und seine neuen Kollegen Konrad Wissmann und Leonard Valentin Lazar auch die Freunde von Bernd Begemann und Konsorten überzeugen?

Eigentlich sollte es leicht fallen, schon das Album eröffnende Stück „Sinnloses Leiden“ stellt klar, was uns erwartet. Gnadenlos bezaubernder Pop in der Tradition der 60er und 70er Jahre Songwriter. Ob psychedelisch, ob West-Coast-Surf oder ob swingend, das ist den drei talentierten Musikern egal, Hauptsache ist, es erreicht, was Pop erreichen muss, um gut zu sein, nämlich uns, das heißt, es muss die Zuhörer berühren. Und gelingt das? Bei weit mehr als der Hälfte der „täglichen Landschaft“? Ja. Ganz entschieden.

In all der Vielseitigkeit des Albums, in seiner fundierten Nutzung von Zitaten oder Stilformen, die im kollektiven Unbewussten residieren, bleibt doch immer eine gemeinsame Handschrift erkennbar. Eine, die am Ende klar darauf hinweist, so sehr die drei Köpfe von Ruben Cossani auch kooperieren mögen: Am Ende entspringen die Songs vor allem dem kreativen Potential Michel van Dykes. Selbst wenn man nur einen der von ihm geschriebenen Songs kennen würde, ja diesen einen da, den mit der Liebe, so würde man sofort feststellen, „Haut“, „Mitgefühl“ und „Erinnern“ stammen von dem Schreiber dieses einen Liedes, aber ebenso blitzt diese Erkenntnis bei einem Großteil des Albums durch.

Das ist auch der Schwachpunkt des Albums „Tägliche Landschaft“. So schön, gelungen, schwungvoll, 60er Jahre, retro das Album als Ganzes sein mag, so häufig zielt es lyrisch wie musikalisch auf das Radio-Publikum und verschreckt so doch sicherlich einen Großteil des bessergeschmäcklerischen Indie-Publikums, das – bei einem bisschen mehr Mut der Band – Ruben Cossani lieben könnte.

Aber Kitsch hat mich noch nie davon abgehalten, eine Band oder ein Album zu mögen. Insbesondere Songs wie das an Kinks, Beach Boys oder Byrds gemahnende „Sinnloses Leiden“, das bar-jazzig bis countryeske „Einmal in 10 Jahren“ und das brasilianisch swingende Filmjazz-Triumvirat aus „Drüberschlafen“, „Zwillingsbruder“ und „Halbes Herz“ zwingen mich in die Knie und lassen Ttägliche Landschaft“ zu einem dieser Alben perfekten Pops werden, die ich liebe, solange dessen Songs nicht überall laufen, und das ich hassen werde, sobald der verdiente Erfolg eingetreten ist, und NDR2, Radio Hamburg und 90,3 die Single „Mitgefühl“ rauf und runter dudeln.

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