Pendikel – Reise ins Gewisse

Resteverwertung. In der Regel ein Schimpfwort. Auch bei Pendikels „Reise Ins Gewisse“ schwingt ein gewisses Maß an Unbehagen mit. Aber wissend um den Veröffentlichungsrhythmus der Band und angesichts der Ankündigung, vielleicht erscheine die nächste Pendikel-Platte erst im nächsten Jahrzehnt oder aber schon in wenigen Monaten, erfreut der Hörer sich gerne an dieser ungewiss wissenden(wirkenden?) Reise.Dem Pend(ik)el im Artwork entsprechend beginnt die Reise bei „Don’t Cry Mondgesicht“, wendet sich zurück in die Bandvergangenheit, um zuletzt einen Blick in eine alternative – zukünftige – Dimension zu werfen. Heißt, Reste der letzten Platte beginnen – klanglich klar erkennbar – das Album, gefolgt von Überresten der „Phantasievoll (Aber Unpraktisch)“, der „3“, einiger Samplerbeiträge und sonstigem. Alles läuft so weit unter dem Namen „Walkman“. Den Abschluss dann übernehmen – zum Tanzen – Remixe des „Mondgesicht“-Albums. Den Linernotes entnimmt der Leser gern und freudig die Nachricht: In den Pendikel-Archiven lagern noch weitere Perlen.

Und als wertvoller Schmuck zeigt sich eigentlich alles auf der „Reise Ins Gewisse“. Die klangliche Balance zwischen Laut und Leise, Schräg und Perfekt, die „Don’t Cry Mondgesicht“ ausmachte, fehlt natürlich. Eine Sammlung solch unterschiedlicher Perioden einer Band kann in sich nicht geschlossen sein. Das Verständnis der Gruppe jedoch ergibt sich nur mit einer solchen Mischung.

Der Ursprung der eröffnenden drei Stücke aus den Sessions zu „Don’t Cry“ ist klar erkennbar. So hätte jeder dieser Songs sich gut in die Platte eingeordnet. Da wirkt die instrumentale Miniatur „Phantasievoll (Aber Unpraktisch)“ schon erstaunlicher. Ein Tag am Meer, nicht wie ihn gewisse Stuttgarter beschreiben würden, sondern in einer Intensität, wie sie die Kollegen von Kante zur Beschreibung Berlins oder der Großstadt an sich nutzen. Die Atmosphäre bleibt zunächst erhalten. Die Band stürzt sich und uns in ein Cover von Nick Drakes „River Man“, lässt dann die Stimmung kippen, lärmt los, verkörpert die Verzweiflung in all ihrer Multidimensionalität. Weniger perfekt, eher zerstört und den Post-Hardcore-Ursprüngen der Band näher folgt ein Minutemen-Cover, dem sich eine Interpretation von King Crimsons „Red“ anschließt. Beides unverzichtbar, um den heutigen Klang von Pendikel nachvollziehen zu können. Mit „Schöner Tag“ geht es dann zurück in eben diesen Kosmos, die unglaubliche Entrückung, in der Gesang und Gitarre und Schlagzeug sich zu dem vereinen, was die Band ausmacht.

Weniger hilfreich und nötig schließen fünf Remixe die Reise ab. An sich alle gelungen und – wie angemerkt – andere Dimensionen der Band eröffnend, fehlt ihnen doch meist die gewisse Magie. „Fall zu Fall“ (Jean Michel Remix) versucht die Tanzfläche zu erobern, klingt aber doch am besten über Kopfhörer in Isolation, „Piepton“ (Radioluxx Mix) verlangsamt und erhöht Intensitäten, bleibt aber halbgar. Die „Zitatmaschine“ (Velma Version) geht in atmospärischer Dunkelheit unter, wogegen Volker Schumachers „Dead City“-Variante in zart bliepend digitaler Perfektion von Console stammen könnte.

Passend beschließen Pendikels alte Weggefährten Sankt Otten die „Reise ins Gewisse“ mit „Bis zum letzten Mal“. Trügerisch verstörend, hypnotisch. Die Spannung baut sich auf, das Warten auf eine neue Reise mit Pendikel beginnt…

Und zum Nice-Price ist diese Veröffentlichung eh Pflicht.

Advertisements