Morcheeba – Dive Deep

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Die Brüder Paul und Ross Godfrey hätten nicht falsch daran getan, ihr aktuelles Album unter einem anderen Namen als ihrem bisherigen Trademark „Morcheeba“ zu veröffentlichen. Natürlich erinnert auch der Klang von „Dive Deep“ gelegentlich an Morcheebas große Erfolge – vorne weg „Charango“ von 2002, das sich immerhin 13 Wochen in den deutschen Longplay-Charts tummelte. Aber trotz gewisser kleiner Ähnlichkeiten ist „Dive Deep“ doch weit weg von den immer noch clubtauglichen Downtempo-Tagen. Insofern täuscht der alte Name eher, als dass er wirbt.Der Wechsel im Stil – vom klassischen Lounge- und Club-Genre zum elektronisch folkigen – ist dabei ganz offenbar durchaus gewollt, meint Paul Godfrey doch, er sei wohl am unglücklichsten gewesen, als die Band – damals noch mit Sängerin Skye – am erfolgreichsten war. Bei aller empfundener Täuschung oder dem Gefühl, Morcheeba führen inzwischen unter falscher Flagge: Löst der Hörer sich von den Erwartungen der Vergangenheit, so ist „Dive Deep“ ein fluffig leichtes, kuschelig relaxtes Album, das – in den richtigen Momenten gehört – wirklich glücklich machen kann. Dann jedoch stören besonders die kleinen Momente, in denen der alte oder eher der erfolgreiche Morcheeba-Sound durchbricht („Enjoy The Ride“, „Gained The World“, „Blue Chair“). Den folkigen, bluesigen, nicht zwangsweise elektronischen Charakter des Albums fasst gut sein Abschluss zusammen. „Washed Away“ mit Thomas Dybdahl ist näher dran an Robert Plants und Alison Krauss‘ Album „Raising Sand“ als an dem, was wir von Morcheeba noch immer erwarten.

Im Grunde jedoch führt jede Kategorisierung ins Leere. Die Godfreys und ihre Gäste, von Judie Tzuke über Rapper Cool Calm Pete bis zu eben Thomas Dybdahl, liefern ein unglaublich vielseitiges, häufig träumerisch packend, nie aber vollkommen mitreißendes Album, das vielleicht auch darunter leidet, von dubbig an Massive Attack erinnernden Tracks („One Love Karma“) bis zu zarter tief-düsterer Folk-Electronic (z. B. „Riverbed“ wieder mit Thomas Dybdahl) oder gar Chanson („Au-Dela“ mit Manda) zu viele Stile zu beinhalten.

Das faszinierende John Martyn Cover „Run Honey Run“ mag da allein stehend noch so grandios sein, in der Summe verbleibt ein zwiespältiger Eindruck, der mit den Worten eines Bekannten vielleicht nicht fair aber treffend auch so zusammengefasst werde kann: „Da passiert ja gar nichts.“ Oder auch: „Dive Deep“ ist eine überraschende, musikalisch gelungene Reise, doch ein in sich geschlossenes Album ist es nicht. Und: Die Zielgruppe bleibt unklar. Die alten Fans werden es kaum kaufen, und neue finden sich so auch eher schwer.

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