Locas In Love – Saurus

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Besser spät als nie. Kurz vor Tores-, äh Jahres-, Schluss doch einige Worte zum überzeugendsten deutschsprachigen Album des Jahres – dagegen klingt die Tocotronic’sche Kapitulation wie Kasperletheater.

Die Band heißt Locas in Love und ist an sich und überhaupt eine zwiespältige Angelegenheit. Damit sei nicht auf die vielfältigen Namen der Band angespielt, sondern festgehalten: Live- und Studio-Gesicht der Band unterscheiden sich doch kräftig. Als Support für Arab Strap im frühen 2006 langweilten sie, wenn nicht zu Tode, dann doch gehörig; das Album – „Saurus“ genannt – jedoch …, hach, schön.

Viele Worte könnten über Vergangenheit und Gegenwart der einzelnen Band-Mitglieder verloren werden, ebenso sollte der total(itär)e Do It Yourself-Gedanke in ihrem Schaffen betont werden, doch seien nur die Stichworte Spex (Köln), http://www.stefanieschrank.com und The Dackel 5 aka Unser Kleiner Dackel erwähnt.

Aber genug der Präliminarien. Der „Saurus“-Review-Roboter sagt schon seit Mai:

>>Locas In Love sind ja besonders unter ihren Kollegen hoch angesehen , aber nun melden sie sich mit ihrem zweiten Album zurück. Kauzig präsentiert uns die Kombo „Saurus“ (Sitzer/Virgin/EMI).

Dabei gehen sie gefühlvoll, berührend und durchweg schön zu Werke. Die Scheibe ist auf den ersten Blick durchaus das angekündigte Meisterwerk. „Saurus“ überrascht mit poetischen Wortkombinationen verknüpft mit einfühlsamen Melodien und ist alles in allem ganz großes Kino. Der Sound lebt von schrammelnden Gitarren, die auf luftige Synthesizerklänge treffen, doch wird er wohl heute kaum neue Fans finden. Locas In Love als treu gebliebene alte Fans der Independent-Szene sind im Jahre 2007 ein Leckerbissen. Besonders Bassistin und Sängerin Stefanie Schrank besticht als Multiinstrumentalist und versteht es wie kaum [eine andere], den Songs neue Dimensionen hinzuzufügen.

Die Musik der Band ist mehr als brillant inszeniert, strotzt vor cleveren, aber nicht verkopften Texten und hierbei hilft es unbedingt, dass die Musiker sich ebenfalls ein paar Rosinchen rauspicken dürfen.

„Saurus“ – Mehr als nur ein Geheimtip.<<

OK, wie treffend auch immer diese Selbstbelobigung sein mag, der Weg einer automatisierten Besprechung ist vielleicht doch zu einfach, versuchen wir also eigene Worte zu finden.

Deutschsprachige Bands gibt es viele. Deutschsprachige anspruchsvolle ebenso. Viele davon verpasst man, verpasse ich. Das ist erstaunlicherweise einfacher als bei angloamerikanischen. Pendikel, Surrogat und Flowerpornoes habe ich nicht versäumt, Blumfeld, Kante oder Lassie Singers drängten sich in meiner Generation geradezu auf.

Apropos Jochen Distelmeyers Ex-Band. Sie als Referenz für Locas in Loves „Saurus“ anzuführen, führt am Ziel vorbei; aber … in den späten mittleren 90er Jahren des letzten Jahrhunderts coverten die Philistines Jr. das Blumfeld’sche „Draußen auf Kaution“ als B-Seite ihrer Maxi „The Russians Burned My Uncle’s House Down“. Ein Mitglied der Philistines Jr. heißt Peter Katis, dem ein oder anderen als Produzent von The National, Spoon und Interpol bekannt, und zudem für den Mix von „Saurus“ mitverantwortlich.

Von den Philistines Jr. über The National und den englischsprachigen deutschen Indie-Rock der mittleren 90er (Tuesday Weld, Hip Young Things, Sharon Stoned, The Notwist) führt eine ziemlich schnörkellose Linie zu der Musik, die auf „Saurus“ in Perfektion und mit deutschen Texten präsentiert wird. Einfacher unprätentiöser Indie-Pop, so perfekt produziert, es wirkt immer unperfekt und Mid-Fi. Jeder Ton, jedes Intervall, jeder Einsatz eines Instruments erscheint an der richtigen Stelle, als habe jemand entweder eine Ewigkeit daran perfektionistisch gewerkelt – was wohl so war – oder aber er/sie besitze ein unglaubliches, unerschöpfliches Talent – was wohl ebenfalls der Fall ist.

So perfekt und wunderschön die Musik immer sein mag, erscheint das Genre doch wenig speziell, um nach zehn Monaten eine Lobeshymne auf „Saurus“ zu rechtfertigen. Das Besondere am Locas in Love-Universum bildet neben dem unglaublichen Gespür für Melodien und Inszenierung, neben Björns, Stefanies und Jans verzweifelt speziellen Gesangsstimmen und Stilen, … das Besondere also sind die perfekten, unpeinlichen, keinerlei Klischee berührenden, originären, unglaublich genialen deutschsprachigen Texte, die perfekt inszenierte Geschichten, kleine Kopffilme zur sie ummalenden, vertiefenden, betonenden und kongenial ergänzenden Musik bilden.

Nach so viel Überschwang, eine Pause. Pause. Und dann zum Schluss die unvermeidliche Rechtfertigung der überschwänglichen Bepunktung, die (also die Bepunktung) sich daraus erklärt: Kein Album hat den Schreiber in 2007 so lange, so ausdauernd, so immer wieder zu ihm zurückkehrend vom Kauf bis heute begleitet wie dieses. Im Oktober kam dann so ein komisches anderes Album. Wäre das schon im Februar gekommen, sähe es alles anders aus. Da dem nicht so ist, steht „Saurus“ für 2007 als ganzes, wie Pendikel für den Herbst 2006 standen und diese andere Band mit dem Regenbogen für den Herbst 2007 stehen.

(ursprünglich bei Helga als Vergessene Perle 2007)

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