Erykah Badu – New Amerykah, Part One (4th World War)

Keine Versprechen gebrochen. Doch die hohen Erwartungen leider nicht erfüllt. Und das ist sogar gut so.Ein Widerspruch? Sicher. Er wird hier nicht aufgelöst werden.

Erykah Badu stand – oder steht – wie kaum eine andere Künstlerin für den Neo-Soul der späten 90er Jahre des nunmehr letzten Jahrhunderts. Ebenso jedoch repräsentierte sie in diesem Kontext einen noch einmal anspruchsvolleren, verquereren, mit zahlreichen Jazz-Elementen gespickten R’n’B. Diesen perfektionierte sie.

Er findet sich auch auf ihrem neuen Album „New Amerykah, Part One (4th World War)“, dem ersten Werk ihrer „New Amerykah“-Reihe, von der es mindestens zwei Teile geben soll. Hier stehen vor allem die Songs „Telephone“ – dieser ist J Dilla gewidmet – und „Me“ für diese alte Erykah. „Me“ propagiert jedoch textlich eigentlich einen persönlichen Neuanfang.

Eine Erneuerung stellt das Album als Ganzes dar. Musikalisch versucht die Künstlerin Neues, vor allem aber versucht sie, die Gefühle und Gedanken des (nicht nur) schwarzen Amerika zu artikulieren, das selbst der Messias Obama und sein Apostel Will.I.Am nicht zu erreichen vermögen. Natürlich ist das ein hoher Anspruch, einer mit dem ein(e) Künstler(in) nur scheitern kann. Was auch geschieht. Der politische Subtext bleibt schwammig und überzeugt nicht. Aber gerade dieses Scheitern transportiert sich in der Vielfältigkeit der neuen Badu’schen Musik.

So oft der Neo-Soul oder R’n’B sich auch immer den Weg bahnen mag, so oft ist der doch nur Teil eines größeren Konzepts, das beatlastiger, funkiger und eher HipHop seiend daherkommt. Die Songs scheinen zwischen Stilrichtungen und Mitteln zu zerreißen, sie zerfallen dabei jedoch nicht. Sie ermüden den Hörer zwar möglicherweise, schaffen es aber dennoch, ihn zu fesseln und sie zu Ende und über das Ende hinaus hören zu wollen.

Sechzig und mehr Jahre schwarzer Musik fließen ein in dieses „New Amerykah“. Sie verschmelzen mit Badus Stimme und erzeugen so eine Synthese von Lebensgefühl und Kultur. Ein Statement einer Kultur in einer Zeit ist „New Amerykah, Part One“, ein Meisterwerk, dessen Bedeutung erst zukünftig deutlich werden dürfte.

Was vielleicht durchaus gewollt ist. So erscheint „Honey“, die Single zum Album, als Bonustrack. Der mitreißende, tanzbare Funk passt wenig zum introvertierten nachdenklichen Rest des Albums; abgesehen vom ersten Track „Amerykahn Promise“ einem ebenso funkigen, spielerischen Musikhörspiel, das mit „Honey“ einen Bogen um das eigentliche Ganze spannt.

Das Verspielte zieht sich weit hinein in das Album, sorgt jedoch mit dem von Madlib produzierten „The Healer“ schon zu Beginn für einen der Höhepunkte des „New Amerykah“. Überhaupt lebt das Album natürlich nicht allein von Erykah Badu, sondern vor allem von dem Sachverstand, der mit ihr kooperiert. Madlib, Roy Ayers, Bilal und Omar Rodríguez-López stehen dabei neben „The Sa-Ra creative partners“ nur für einen Ausschnitt des Spektrums. Ein kreatives Konglomerat, das begeistert, vielleicht aber zu „intellektuell“ daher kommt, um die, die es vertreten will, zu erreichen. So erreicht das Mantra „My People (Hold On)“ sicher nicht die Kids auf der Straße.

Ein Statement über einen Zustand, der Versuch, einen Aufbruch zu erreichen. Vielleicht doch eher einen Ausbruch aus einer – nicht nur, aber auch – drogeninduzierten Misere. Diesen Zustand verdeutlichen „The Cell“ und „That Hump“ auf das intensivste. Letzteres aus einer Jam-Session entstanden, ersteres ein beeindruckender Jazz-Hop Marke „The Roots“. Inwiefern es die Betroffenen anspricht, mag acht Zeitzonen entfernt kaum bewertet werden.

Experimentell mit Auftrag erscheint dieses „New Amerykah“, der vierte Weltkrieg, der an allen Ecken zwischen allen Menschen, aber eben auch über tausende von Kilometer Entfernung ausgetragen wird. Die Mittel der schwarzen Musikkultur der 1960er und der 1940er treffen auf die der 2000er Jahre (nicht nur in, aber besonders in „Twinkle“). Damit liegt die Meisterschaft nicht im augenblicklichen Erreichen von Millionen (Kunden), sondern in einer musikalischen Bereicherung des Bestehenden, im Artikulieren von Möglichkeiten. Es führt nicht nur den Soul, sondern auch den Jazz mit neuen Mitteln zurück zu seinem Ursprung als afroamerikanische Kultur. Kultur, die nicht verkauft werden soll, die nicht zur Unterhaltung des so genannten weißen Amerikas / Europas dient, sondern die Belange und Bedürfnisse ihrer Schöpfer vermittelt.

You’ve got to say: I’m a human being / damn it / my life has value.

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