Dynamite Deluxe – TNT

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Ganz wuschig, nervös, voller großer Hoffnung, wie ein Gläubiger in Erwartung des Erlösers, so dürfte der ein oder andere Freund des deutschen Sprechgesangs Marke 2000 reagiert haben, als ein neues – das zweite – Dynamite-Deluxe-Album namens „TNT“ angekündigt wurde. Schon die Vorabsingle „Dynamit!“ relativierte das kräftig, ließ mich sogar enttäuscht zurück, vielleicht war es auch das Video. Egal.Fest steht. Für Fischmob-, Kinderzimmer-Productions-, Hausmarke-, Beginner-Fans – also die Leute, die sich eben um das Jahr 2000 für deutschen HipHop zu interessieren begannen – bietet dieses Comeback, dieses erneute Erstalbum nicht die erwartete Rettung. Zwischen bescheidenen balladesken Nummern („Mein Flow Ist“, „Letzter Song“), die all das nicht können, was Max Herre, Freundeskreis und Joy in das Genre eingebracht haben, und bombigen Dancehall-Tunes, die nach einem sofortigen Rewind schreien („Dynamit!“, „Weiter“), versuchen die Tracks von „Newcomer des Jahres“ bis „Der Thron Ist Meiner“ die alten Helden in einem veränderten Umfeld, einem transformiertem Deutschrap-Kosmos, wieder ins Zentrum zu rücken.

Das explosive Dreigestirn Tropf, DJ Dynamite und Samy präsentiert sich dabei natürlich in alter Stärke, Beats und Produktion überzeugen mit wenigsten Einschränkungen und Samys Flow überschwemmt die durchschnittlichen heutigen Künstler eh wie ein Tsunami. Es mangelt nur am Storytelling. Viel zu häufig dominiert das Battlen, der – unadressierte kollektive – Diss. Am einen Ende wird so mit Dancehall, „Alles bleibt anders“-Jan-Delay-Funk und „Balladen“ wieder und weiter der Pop-Appeal hochgehalten, um am entgegengesetzten Pol mit harten Oldskool-Sounds die Gangsta-Community von Flensburg bis Garmisch und Frankfurt/Oder bis Aachen, vor allem aber in B- und HH-Stadt, zu erobern.

Sollte es bei TNT um Geld gehen, dürften Dynamite Deluxe im Rahmen der Krise der Tonträgerindustrie gewinnen. Das Pop-Publikum zwischen Jan Delay und Bushido, zwischen Sean Paul und Azad greift schon zu. Damit dürfte dann ein Teil der so genannten glaubhaften Glaubensgemeinschaft ebenfalls an Bord sein. Doch die Regierenden, die Mitglieder des Zentralkommitees in Berlin zu überzeugen, könnte schwer fallen. „Boombox“, „Komma Klar“, „Der Thron Ist Meiner“ gehen voll auf die Zwölf, bringen jeden fest geschweißten Kopf zum Nicken, aber reicht das aus, ist alles andere noch cool – äh tight – genug?

Ganz klar bleibt festzustellen, dieses Album wächst. „Boombox“, „Dynamit!“, „Newcomer des Jahres“ und „Komma klar“ mögen zu Beginn den mit HipHop Ende der 90er in Berührung geratenen Hörer – was hier wohl vornehmlich der Fall sein dürfte – verstören, doch schon beim zweiten oder dritten Durchgang fühl ich mich wie der Wackeldackel im aufgemotzten Golf GTI und zudem zehn Jahre jünger. Dabei bleiben immer einige gemischte Gefühle, die von Anachronismus bis zu gefühlt übertriebener Attitüde reichen. Vor allem schwebt immer die Frage im Hinterkopf, kann die Zeit zurückgedreht werden, um 8 Jahre, um 4 Jahre, um 2 Jahre?

Dynamite Deluxe, die Rettung? Nein. Rettung überhaupt möglich im Angesicht von Massiv, Alpagun und G-Hot? Wer weiß.

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