Underworld – Oblivion With Bells

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Zwei Dinge müssen hier geklärt werden. Erstens, Underworld machen trotz ihres durchaus massenorientierten Rave-Proll-Techno Marke UK – im Gegensatz zu Scooter in D-Land – keine wahrhaft populäre massentaugliche Musik. Einfach gehaltene, durchaus lose daher kommende Bass-, Beat- und Synthie-Linien stehen in einer Tradition mit Soundentwürfen der frühen Elektroniker – z. B. Kraftwerk. Den kollektiven Ekstase-Faktor bringen dabei vor allem einzelne extrem vereinfachte Slogans und ebensolche klangliche Versatzstücke. Heißt, im Vergleich mit aktuellen Entwicklungen des Minimal-Techno oder Rave erscheint Underworlds Musik – auch und insbesondere auf „Oblivion With Bells“ – vielfach noch einmal simpler und reduzierter.

Dabei entsprang und entspringt aus dieser scheinbaren Schlichtheit und Anspruchslosigkeit absolut progressive Musik, der gelegentlich sogar das gelingt, was Techno und elektronischer Musik an sich eigentlich abgeht: Ein jazziges Gefühl, eine jazzige Atmosphäre zu verströmen. Jazzig nicht im Sinne von „es klingt so“, sondern „es erscheint so“.

Andererseits berührt natürlich manch synthetische Streicherschicht eher peinlich. Womit dann gleich die zweite zu erklärende Tatsache ansteht. Wie kann „Oblivion With Bells“ – gerade wo es eben doch sogar manchmal peinlich berührt – besser bewertet (bei Helga-Rockt.de) werden als „In Rainbows“? Beide Bands – Underworld und Radiohead – verbinde ich bei Erscheinen eines neuen Albums mit klaren bandspezifischen Ansprüchen, die hier nicht näher erläutert werden müssen. Radiohead erfüllen diese ganz klar. Underworld übererfüllen ihre.

Vom ersten Ton in „Crocodile“ bis zum Verklingen der letzten Note in „Best Mamgu Ever“ zieht dieses auditive High-Fidelity-Techno-Erlebnis einen in seinen Bann, klingt vertraut und eröffnet einem doch mit jedem Hören neue Klangtiefen. Spannungsaufbau wie auf besten Noiserock-Alben, Karl Hydes Vocals, die zum richtigen Zeitpunkt klar machen, Underworld sind im Haus, selten nur Rave-Feeling, das jedoch oft genug für die Open-Air-Saison vorstellbar herausglitzert, Soundscapes, Klangschichtungen, stimmungsvolle Bilder für die Ohren. Man mag es als routiniert und tausendmal gehört bezeichnen, aber Underworld vermögen hier aus ihren bekannten Erkennungszeichen ebenso tief verstörende, wie warm heimische, aufputschende, aber auch hypnotisch einlullende Stücke zu entwerfen, die absolut zur besten Musik gehören, die 2007 erschienen ist. Allerdings muss man sich darauf einlassen. Gelingt dies, gewinnt das Album.

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