Harmonia – Harmonia live 1974

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Jeder soll ja von Herbert Grönemeyer halten, was er oder sie will. Der Verdienst des von ihm gegründeten Labels Grönland Records jedoch um die experimentelle deutsche Musik der 70er Jahre kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Insofern ist auch die aktuelle Veröffentlichung Harmonia „Live 1974“ ein historisches Schatzkästchen.Allerdings funktioniert das Album nicht nur als Beleg für die Genialität der Mitglieder von Harmonia (Michael Rother von Neu! sowie Hans-Joachim Roedelius und Dieter Möbius, beide auch als Cluster aktiv). Vielmehr bildet dieses Set mit Rothers mal reduzierter, mal hervorstechend singend klingender Gitarre und Cluster an den elektronischen Knöpfen ein klangliches Erlebnis mit einem erstaunlich komplexen Spannungsbogen.

Beginnt das Album mit dem gut zehnminütigen „Schaumburg“ noch reichlich sphärisch, meditativ und auf den ersten Blick unspektakulär psychedelisch – auf den zweiten zeigen sich die Parallelen zu vielen elektronisch orientierten Künstlern der letzten zehn Jahre oder auch dem Dream-Pop der späten 80er –, steigert sich das Tempo oder die Intensität schon beim eine gute Viertelstunde füllenden „Veteranissimo“, das den Blick ohne Umwege auf den Glitch eines Aphex Twin lenkt. Danach reduziert die „Arabesque“ die Elektronik, gibt dafür der Gitarre mehr Luft, was nicht Spannung und Zeitlosigkeit des Albums reduziert, aber doch die zeitliche Einordnung einfacher macht.

Danach folgt das Trademark-Stück des Albums. „Holta-Polta“ lässt die elektronischen Bleeps und Clicks tanzen, nicht ekstatisch, beatlastig oder treibend, sondern atmosphärisch, hypnotisch und jeder Einordnung in eine Szene oder eine zeitliche Phase elektronischer Musik widerstehend. Danach ist „Ueber Ottenstein“ fast nur noch eine Zugabe, aber eine sehr überzeugende.

„Live 1974“ ist eine musikalische Entdeckung, wie auch Harmonia mit den Worten des NME „the most important supergroup you’ve never heard of“ sind.

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