Shantel – Disko Partizani

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Multikulti, das Schimpfwort konservativer Integrations- und Kulturpolitik hat unsere Gesellschaft vielleicht nicht verbessert, zeigt jedoch in einer globalisierten und vernetzten Welt interessante Effekte.Stefan Hantel aka Shantel sorgte bereits mit seinen Down- und BigBeat-Produktionen in den 90er Jahren für einiges Aufsehen. Mit der Jahrtausendwende dann – und soviel Künstler-Biografie ist an dieser Stelle nötig – und einem Besuch in der Heimat seiner Vorfahren, der nördlichen Bukowina in der heutigen Ukraine, beginnt eine bis heute anhaltende Leidenschaft für eine traditionelle und populäre Musik, die im angloamerikanisierten Westen höchstens unter dem Titel Weltmusik stattfindet. Der Sound des östlichen und südöstlichen Europas sowie des näheren nahen Ostens wird bald zum Aushängeschild des Bucovina-Clubs, den Shantel nicht nur erfolgreich durch die Welt touren lässt, sondern auch auf Compilations bannt.

Ob es nun der von Hantel in der aktuellen Spex als Skorbut bezeichnete Überdruss der westlichen Jugend am angloamerikanischen Pop ist, oder ob er selbst, die alltägliche Auseinandersetzung mit süd- und osteuropäischen Sounds auf der Straße, der European Song Contest, sowie Fatih Akin mit „Crossing The Bridge“ die Angst, Abneigung, Vorsicht gegenüber „fremder“ Musik verringert haben? Sicher ist, der Buzz (und Erfolg), den Künstler wie Gogol Bordello, Beirut, Fanfare Cocãrlia und A Hawk And A Hacksaw in den letzten Monaten genießen, ist erstaunlich. Dabei hat insbesondere die Fanfare wohl vor allem durch ihre Kooperationen mit anderen (oder westlichen) Künstlern profitiert. Damit wären wir bei den erstaunlichen Folgen von Multikulti.

Insofern könnte oder sollte Shantels erstes eigenes Album seit 6 Jahren, „Disko Partizani“, eine gehörige Aufmerksamkeit erhalten. Außer natürlich, die Nerds finden diesen Sound nur toll, wenn er vom angloamerikanischen Publikum bereits gefeiert wird – was dann ein ziemlich ironischer Zug des Schicksals wäre.

Allerdings betritt Shantel das Feld der (uns) neuen Musik aus einem anderen Blickwinkel. Seine Perspektive ist nicht der Indie-Rock-Ansatz sondern die Club-Orientierung, die Funktionalität des Sounds auf dem Tanzflur. Eine Vermischung der Folklore mit moderner Electronica. Nie nimmt dabei jedoch letztere Überhand, immer bestimmt das Traditionelle den Klang. Allein ein Beat, eine angedubbte Struktur, eine Betonung des zugrunde liegenden Rhythmus ermöglicht die Überführung des Originals in einen eigenen Shantel’schen Kontext, macht die Musik zu Shantels.

Dabei bewahrt Stefan Hantel sich immer die Ehrfurcht vor den ursprünglichen Emotionen und Strukturen der Musik. Das sichern nicht zuletzt seine zahllos mitwirkenden Freunde und Gäste. So herrscht auf „Disko Partizani“ nicht nur eine stilistische sondern ebenso eine babylonische Sprachvielfalt, die ihresgleichen sucht. Türkisch erklingt direkt neben Griechisch, Englisch neben Rumänisch, Serbisch und Rom. Mit seinen Gästen, darunter Miss Platnum, Filip Simeonov (Taraf de Haidouks), Brenna MacCrimmon (si. Fatih Akins „Crossing The Bridge“) und Roy Paci (Manu Chao), treibt Shantel sein Bucovina-Konzept auf eine neue Ebene, und fügt die Mischung aus bauchtanzendem HipHop, elektronischem Balkan und Klezmer-Reggae in einen funkigen Kontext ein, in dem sonst eher M.I.A. mit ihrem Sri-Lanka’schen Rap-Funk oder Diplos Mittelstand vs. Baile Funk Entdeckung Bonde Do Role punkten.

So entsteht eine mitreißende und hittaugliche Platte, die potentiell in der Lage ist, mehr für die innerdeutsche wie innereuropäische Verständigung zu tun, als zwanzig Integrationsprogramme.

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