Melt! 2007 Nachbericht

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Freitag, der 13. Im Juli 2007 macht dieses Datum bei einigen Besuchern des Melt! Festivals seinem Ruf tatsächlich alle Ehre. Hier kleine Pannen, dort Sonnen-, Alkohol-, Drogen-Probleme, die zu erheblichem Blaulicht-Einsatz führen.

Anders formuliert: ein Jubiläumsmelt mit überwältigendem Sommerwetter und ein – im Vergleich zu vergangenen Jahren – erhöhter Assi-Anteil. Der aber erstaunlicherweise nach Erreichen des Festivalgeländes gar nicht mehr auffällt. Dabei stieß das Melt! X! 2007 mit 16000 Besuchern nicht nur an seine Grenze, sondern sogar darüber hinaus. Freitag erschien alles im Lot, Samstag jedoch erkannte der Besucher den ersten quasi-Ausverkauf der Melt!-Geschichte. Quasi, da kurzfristig das Kontingent erhöht worden war.

Ausverkauft? Das Melt? Ohne Freitags-Headliner? Ja. Aber was bedeutet schon ein Headliner, wenn ich 48 Stunden durchgehend das Problem habe, welche Bühnenbespielung mir am wichtigsten erscheint. Spätestens mit der Einführung des Melt!-Klubs 2006 spielt beim Melt! ein gehöriges Maß Fatalismus mit. Der Ausbaus der Big Wheel Stage dieses Jahr verstärkt das erwartungsgemäß. Selbst in einer eher spärlichen Phase mit Kettcar vs. Jeans Team vs. Ragazzi vs. Matthias Kaden kann ich mir sicher sein, am Ende etwas verpasst zu haben. Vermutlich waren es Matthias Kaden und Onur Özer. Am 13. Juli 07 ergab sich ein gewisser Fatalismus gleich zu Beginn. Owen Palletts finale Fantasie versank zwischen Störgeräuschen benachbarter Bühnen, litt aber zudem unter dem Beat & Bass optimierten Clubsound der Gemini Stage selbst. Probleme, die das ganze Wochenende bestanden, aber den Spaß kaum trübten: eine übermäßig laute Hauptbühne und eine nicht für zartere Sounds ausgelegte PA an der Gemini.

Die Fülle am Samstag wurde bereits angemerkt. Zwischenzeitlich entstand das Gefühl, nicht zu wissen, wo hingetreten werden könne, ohne einem Menschen Schmerzen zuzufügen. Wie schon im letzten Rekordjahr – 2006 – blieb auch dieses Jahr die visuelle Gestaltung der Stadt aus Eisen hinter dem Zustand von 2005 zurück. Die 2007er Lichtgestaltung ging jedoch in die richtige Richtung und die Umsetzung des so genannten Key-Visuals, das bereits über Ticket, Werbung und Homepage bekannt war, gelang.

Das Luxusproblem – oder die audio-visuelle Überforderung – führte zu seltsamen Ergebnissen; die Höhepunkt-/Liebhaber-Konkurrenz Motorpsycho vs. Autechre vs. zuerst Lady Sovereign und dann The Thermals vs. Dendemann gewann … der Minimal Techno von Troy Pierce und anschließend Marc Houle. Einer der vorher erwarteten Highlights Motorpsycho übertraf in Lautstärke und Chaos das Ertragbare nach der gottgleichen Erscheinung von The Notwist. Bei Lady Sov war das Melt!-Klub genannte Zelt überfüllt, verbreitete aber selbst draußen eine Riesenstimmung. Autechre hämmerten einen weg, litten aber ebenfalls unter den Weilheimer Nachwehen. Dagegen langweilten The Thermals, und Dendemann hatte schon am Hurricane keine Priorität, erschien jedoch im Vorbeigehen in Topform zu sein. Dagegen tanzte es sich beim Minimize2Maximize erholsam dahin.

Den Abschluss der Nacht verschieben wir, um kurz anzumerken, dass sowohl bei Jamie T als auch bei Apparat & Band bei mir keine rechte Begeisterung aufkommen wollte, obwohl beide fantastisch waren. Den Höhepunkt des Tages und des Festes boten The Notwist. Ohne viel neues Material – überhaupt? – boten sie von den ersten Tönen von „Pick Up The Phone“ bis zum Ende einen umwerfenden Gig voller Variationen ihrer altbekannten Hits. Vernoist, mit Breakbeat-Elementen, Indie meets Drum and Bass, alles war dabei. Kaum eine Band verkörperte dieses Wochenende den Charakter des Genre-übergreifenden Melt! wie die Weilheimer. The Notwist größer als Radiohead? Durchaus möglich.

Routiniert begeisternd kam Dizzee Rascal rüber, nachdem Alec Empire & The Hellish Vortix mit höllischem Lärm, tanzbaren Rhythmen und hoher Musikalität den Genie-Ruf von Alec E. belegt hatte. Das kam fast an Notwist ran. Ebensolches gilt für den Metalheadz-Gründer Goldie und seinen MC Lowqui. Drum and Bass zum Abschluss des Melt-Freitags ist Tradition, und Goldie hatte Lust uns wegzufegen, bzw. uns ekstatisch aus unseren Körpern heraustanzen zu lassen. Da fingen die ein oder anderen Füße Feuer, und der ein oder andere Liter Flüssigkeit wurde ausgeschwitzt.

Danach blieb nur noch im neuen Morgen, die Stadt aus Eisen hinter sich zu lassen und die japanischen Foto-Touristen zu beobachten, wie sie Ferropolis im Morgengrauen fotografierten und den Ruf des Teichrohrsängers ignorierten. Das – also der Teichrohrsänger – war auch ein Höhepunkt dieses verlängerten Freitag, des 13.

Wo der Freitag schon zur Synapsen-Überlastung führte, wollte der Samstag das noch toppen. Leichte Glieder- und Geistes-Ermüdung belastete dann erwarteter Maßen. So begann der 14. Juli chillend mit Werle & Stankowski. Tolles Album, grandioser Gig. Danach verzauberten – oder belästigten, je nach Wahrnehmung – die musikalischen Performance-Künstler von Stereo Total. Parallel rockten Hot Chip & Jake The Rapper die Meuten. Vor allem überzeugte jedoch der verquere Punk von Erase Errata. Goose hielten die bei Hot Chip aufgekommene Stimmung und stellten zu Recht fest, das Melt! müsse das beste deutsche Festival sein, bevor Tocotronic bewiesen, dass sie tatsächlich gute Gigs am Melt! spielen können (nach der 2005er Enttäuschung). Allerdings hat die Frage einer Hamburger Kunsthistorikerin, warum Dirk von Lotzow seit einigen Jahren so eso sei, durchaus ihre Berechtigung.

Hey Willpower boten – als kurzes Intermezzo – die queerste Choreographie und fantastischen Indie-R’n’B. Ein vollkommen zu Unrecht untergegangenes Album des letzten Jahres. Mouse On Mars begeisterten wie 2004, nach dem sie 2005 ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen hatten. Vielleicht wollten sie für die Von Südenfed Absage entschädigen. Black Rebel Motorcycle Club rockten routiniert und waren ein Freude und wohl selber auch sehr erfreut. Trentemøller und Freude gaben ein zunächst sphärisches und dann rockendes Konzert. Parallel hatte Michael Mayer sein Publikum mehr als im Griff, während Kelis sich verspätete und dann aber bewies, dass sie nicht zu Unrecht Headlinerin war.

UNKLE hingegen gingen im eigenen Lärm unter. Gefiltert jedoch könnte das an Trentemøller und Alec Empire heran kommen. Jan Delay hatte sein Publikum vom ersten Ton an in Griff, ist und bleibt aber der Proll unter den Bühnen-Entertainern. Vollkommen geflasht zeigte sich zu der Zeit auch das Presets-Publikum.

Vorher schon hatte Marcus Intalex die Tanzbeine der Goldie-Überlebenden reanimiert und – apropos Proll – Digitalism ihren Proll-Rave-Rock auf das Publikum losgelassen. Die Massen schienen eine 1:1 Umsetzung des „Idealism“ Albums wirklich hören zu wollen.

Da Deichkind keinen wirklichen Anreiz boten – trotz Snap! und Fraktus – ging es heim, ohne auf Simian Mobile Disco zu warten. Die Studio Braunler von Fraktus drehten wohl für ihren Film und darum, Simian Mobile Disco und Snap!s Playback-Party könnte es einem fast wirklich leid tun. Wenn die 66,60 Euro Eintritt nicht schon Eindrücke für das Doppelte an Geld erkauft hätten.

Melt! 2007? Ein Wahnsinn. Melt 2008? Gerne.

PS: Das Melt bewies eindrucksvoll wie der Wunsch nach Distinktion, nach einem Besonderssein, zu einer fortschreitenden Uniformität in Frisur, Klamotten und Sonstigem führt.

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