Wir Sind Helden – Soundso

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Es gibt eine Band, die landete den Überraschungserfolg nicht eines Jahres (nämlich 2003) sondern des ganzen frühen Jahrzehnts. Sie vereinte Popper und Alternative wie kaum eine andere, spaltete jedoch gleichzeitige die, die meinen einen alternativen, „anspruchsvolleren“ Musikgeschmack zu haben, in kaum gekanntem Maße. Diese Gruppe musizierender Menschen kann in ihrem Erfolg wohl auch weitgehend für die „zweite – oder doch schon dritte – deutsche Welle“ verantwortlich gemacht werden, die wir zurzeit erleben.

Dem außergewöhnlich erfolgreichem Debüt „Die Reklamation“ ließ die Band – es handelt sich natürlich um Wir sind Helden – einen kaum weniger erfolgreichen Zweitling folgen – „Von Hier An Blind“. Nun nach – öffentlich kaum erkennbarer Ruhepause – erscheint mit „Soundso“ also das dritte Album. Statt Babypause also Tour- und Promotion-Stress. Nicht Elternzeit sondern Geld verdienen.

Die Spex widmet sich aktuell dem Phänomen Helden, kommt zu interessanten Erkenntnissen, schafft es aber nicht wirklich, zu klären, warum Linke und Alternative ebenso Wir sind Helden hören, wie junge und weniger junge Popper. Neben der Thematisierung kollektiver Ängste und der Bereitstellung entsprechender Fluchtpunkte, neben linker Thematiken und genug konservativer Sound- und Wortstrukturen, liegt ein Teil des Geheimnisses sicherlich im unbestreitbaren Talent der Bandmitglieder, Songs zu schreiben, die kollektiven Popansprüchen genügen, aber nebenbei schlauer und kreativer sind, als ihre Nachfolger oder andere Radiotrashpopper.

Schon die Vorabsingle „Endlich ein Grund zur Panik“ zeigt dies eindrucksvoll, wobei es im Grunde tatsächlich eine überraschende erste Single ist, da sie mit Assoziationen wie Ideal oder sogar Goldene Zitronen doch weniger die Popper anspricht. Von diesen kreativen überraschenden Höchstleistungen gibt es noch die ein oder andere auf „Soundso“, besonders ist der Albumopener „Ode (An Die Arbeit)“ noch zu erwähnen.

Leider aber erweckt „Soundso“ zu häufig den Eindruck, das Album – abgesehen von Judith Holofernes Gesang – könnte auch aus den Federn der angemerkten Nachfolger Juli oder Silbermond stammen. Vorneweg ist da der Titelsong anzuführen. In „Kaputt“ wiederum machen die „Eltern“ Wir sind Helden den Eindruck, sie würden alt. Im Allgemeinen überwiegt aber der Mittelweg aus Pop und scheinbar Unpoppigem. Von „Die Konkurrenz“ über „The Geek (Shall Inherit)“ über den stillen Hit „Stiller“ bis hin zu „Der Krieg Kommt Schneller Zurück Als Du Denkst“ und „Hände Hoch“ präsentiert die Band sich in altbekannter Stärke. Besonders letzterer zeigt, wie die vier Helden sich Dinge herausnehmen, die sich im deutschsprachigen Pop sonst keiner erlaubt, aber auch nicht erlauben sollte.

Die Songtitel und ihre Schlagworte Arbeit, Konkurrenz, Panik und Krieg versprechen nicht zu viel. Judith Holofernes Texte sind stark wie immer, taugen als Slogans und Kampfrufe, wie es schon Dirk von Lotzows zu Tocotronics Frühzeiten taten. Übel stößt ein wenig auf, wie häufig politische Inhalte die Texte infiltrieren und dabei die Reflektion dieser Inhalte dem Slogan zum Opfer fällt.

Am Ende legen Wir sind Helden ein gewohnt gutes und Genre übergreifendes Album vor. Sie zeigen jedoch Schwächen und müssen – trotz eines zwischen Synthesizer und The National pendelnden Albumhöhepunkts „Labyrinth“ – aufpassen, nicht ihre Ausnahmeposition zu verlieren und in die seichten und verseuchten Gewässer ihrer Genrekollegen abzudriften.

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