Patti Smith – Twelve

am

Veröffentlicht ein Künstler ein Album voller Cover-Versionen, liegt es nahe, das Album in seine Einzelteile zu zerlegen und jeden Teil am Original – oder einer anderen Cover-Version – zu messen. Schwierig wird ein solches Vorgehen, handelt es sich bei der covernden Künstlerin um eine Ikone der amerikanischen Rock-Musik, eine Frau, deren Einfluss sowohl im Songwriting wie auch im Texten ganze Generationen beeinflusst hat, wie es bei Patti Smith der Fall ist.

Insofern kann man ihr bei Auswahl und Interpretation der zwölf Songs ihres neuen Albums „Twelve“ vieles Vorwerfen; sicherlich erstaunt es ein wenig, auf ihm nur altbekannte Künstler und fast sogar allbekannte Nummern zu finden. Natürlich könnte man gerade von ihr mehr Extravaganz und Mut bei der Interpretation erwarten. Frisch in der offiziellen Ruhmeshalle des Rock’n’Roll angekommen, ließe sich ihr aber auch zugestehen, einfach ihr Ding zu machen, wie immer bisher. Soll heißen, wollen wir ein Album wirklich daran messen, ob es unseren Erwartungen entspricht, oder an der Qualität der Musik. Oder: Am Ende muss die Interpretation eines Songs so viel Eigenes haben, dass das Original fast vergessen wird, bzw. einE KünstlerIn muss der neuen Version einen eigenen Stempel aufdrücken, es soll wie ein Song von ihr/ihm selber klingen.

Dies gelingt Patti Smith auf einem Großteil der Zwölf hier präsentieren Nummern. So wird Paul Simons „The Boy In The Bubble“ zu einer – für Smith – ungewohnt fröhlichen Nummer, die mitwippen lässt, „Soul Kitchen“ von den Doors bleibt jedoch eine ruhig dahingleitende Nummer, der man ihren Ursprung kaum anhört. Wie die Doors zählen auch die Stones, Bob Dylan und Neil Young zu Patti Smiths Altersgenossen. Entsprechend unüberraschend und doch eigenständig kommen ihre Interpretationen von „Gimme Shelter“, „Changing Of The Guards“ und „Helpless“ daher. Letzteres ist und bleibt traumhaft schön und ihre Dylan-Version steht hinter dem Original sicher kaum oder gar nicht zurück.

Dem einen negativen Ausreißer – Stevie Wonders „Pastime Paradise“, das auf ewig von Coolio entweiht wurde – stehen jedoch einige positive entgegen. Vorneweg ist das die Albumeröffnung mit Hendrix’ „Are You Experienced?“, das uns ganz tief in Pattis Welt und die Atmosphäre, die ihre Stimme verströmt, hineinsaugt. Hinzu kommen „White Rabbit“ von Jefferson Airplane, das hier noch mystisch und psychedelisch stampfender als im Original wird und – erst auf den zweiten Blick ein positives Ereignis – Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“. Ein Song, der eigentlich für Generationen von Musikliebhabern verbrannt ist, entsteht unter Patti Smiths wachem Blick ganz neu als zarte, fesselnde, schmerzhafte Country’n’Folk Nummer mit Banjo und Fiddle. Direkt aus den höchsten Höhen der Rocky Mountains blickt Kurt mit Sicherheit wohlwollend, weinend und begeistert auf diese Version herab.

Sicherlich, am Ende muss jeder für sich entscheiden, ob er mit Patti Smiths Musik und ihren Interpretationen etwas anfangen kann. In – unmöglich erreichbarer – Objektivität jedoch, überzeugt „Twelve“ bis kurz vor Schluss uneingeschränkt, bis zu dem Moment, wenn „Pastime Paradise“ erklingt, aber das muss man sich ja nicht anhören.

Advertisements