Apparat – Walls

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Im Grunde bin ich parteiisch: Raz Ohara singt auf Apparats (aka Sascha Ring) Album? Volle Punktzahl! Raz Oharas unvergleichlicher Gesang würde aus der sprichwörtlichen … das eben solche Gold machen.

Aber hier geht es nicht um Raz Ohara („The Last Legend“, 2001) sondern um Sascha Ring und er ist es, der mit seinen Produzenten-Fingern – und mit seinem Gesang – in erster Linie „Walls“ seinen speziellen bezaubernden Klang verleiht. So entsteht ein Album, das wie aus einem Guss erscheint. Beginnend bei den ersten flirrenden Tönen von „Not A Number“ bis zum letzten rauschenden Verklingen nach „Like Porcelain“ gestaltet Ring eine Reise durch die elektronische Musik, von zartesten Ambientklängen bis zu stampfenden Beats alles ist vorhanden. Zwischen abstrakt Vertracktem und hymnisch Poppigem ist es eine weite Prärie- oder Gebirgs- oder manchmal sogar Eislandschaft, die wir mit dem Künstler bereisen dürfen.

Wie wandelbar seine Soundgebilde sind, bewies Apparat spätestens letztes Jahr auf dem in Zusammenarbeit mit Ellen Allien entstandenem „Orchestra Of Bubbles“. Auf „Walls“ dreht er die Schraube noch ein ganzes Stück weiter. Selbst wenn er selbst davon spricht, es handele sich mehr oder weniger um eine lose Sammlung seiner Ideen der letzten zwei Jahr, erscheint das Album dem Hörer als einheitliches Werk.

Eine glänzende Einheit aus der viele kleine und große Höhepunkte heraus scheinen. Beim Lesen der Album-Informationen entrann sich mir als Radiohead-Fan fast ein Aufschrei der Empörung aufgrund des Vergleichs des Tracks „Arcadia“ mit Thom Yorke („The Eraser“), und doch ist es ein erstaunlich treffender Bezug. Beginnt es noch eher beatorientiert, schält sich ein verquerer Pop-Song heraus, der ohne Probleme Platz auf Yorkes Album gefunden hätte, und Sascha Rings Gesang orientiert sich ebenfalls eindeutig an Yorke. Eigentlich ließe sich „Arcadia“ sogar als der (Pop-)Song bezeichnen, den der Radiohead-Sänger gerne auf seinem Album gehabt hätte, den er und Nigel Godrich aber nicht geschafft haben zu produzieren. Sicherlich ein Highlight auf Walls, fällt es doch schwer, „Arcadia“ so zu nennen, sind doch im Grunde alle 13 Tracks auf ihre Art fantastisch. Beginnend beim atmosphärisch verspielten Eiswüstentrack „Not A Number“, der aufbricht, wie die Eisschollen in der Arktis zu Zeiten der globalen Erwärmung, über den ersten Track mit Raz Ohara „Hailin From The Edge“, der fast als Indie-Electro-Song durchgehen und sogar EBM-Diskos beglücken könnte, bis hin zum Wall-Of-Sound-Electro von „Fractales Pt. I & II“, der an M83 und somit an My Bloody Valentine gemahnt; „Walls“ ist wie ein nie enden wollendes musikalisches Überraschungsei, das begeistert, verzaubert, mitreißt.

M83s „Before The Dawn Heals Us“ ist ein Album, das einen zu jeder Tages- und Nachtzeit, in jeder erdenklichen Situation aus dieser Welt fliehen lassen bzw. entführen kann, das einen vollkommen einhüllt, mit dem man eins und vollkommen unabhängig vom Rest der Welt werden kann. Das gleiche gilt für weite Strecken von „Walls“, für all die Teile, die nicht Pop sind und selbst für die gelegentlich. Da sieht man selbst über das eher schwache „Over and Over“ gerne hinweg.

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