Mika – Life In Cartoon Motion

Hassen oder Lieben, und wer sich nicht entscheiden kann, bewertet halt irgendwo in der Mitte, so gestaltet sich die Rezeption von Mikas „Life In Cartoon Motion“ im UK. Da stellt sich die Frage: Was wäre, wenn die Single „Grace Kelly“ nicht sofort auf die Eins der Single-Charts gestürmt wäre?

Eine Auskopplung übrigens, die – in Verbindung mit dem Bonbon-bunten, psychedelischen Cover – tatsächlich alles verrät, was über das Album zu wissen ist. Heißt, wer „Grace Kelly“ hasst, wird das Album nicht mögen. Wer wiederum sich mit der Single zumindest anfreunden kann, wird auf dem Album fünf höchst amüsante Songs finden und fünf weitere, die allein gehört, auch zu gefallen wissen.

Anders ausgedrückt: Stellen wir uns vor, ein Vinyl-Album zu haben. Ignorieren wir des Weiteren den Hidden-Track, dann finden wir eine A-Seite vor, die ich mir wieder und wieder anhören kann, und eine B-Seite, die nach einer schmalzigen und zudem unglücklich produzierten Ballade („Any Other World“) eigentlich nur das wiederholt, was auf der ersten Seite schon zu hören war und die Songs ab „Billy Brown“ zu Playlist-Füllern degradiert. Der getragene Kitsch zur Mitte betont diese Tatsache.

„Grace Kelly“, „Lollipop“, „My Interpretation“, „Love Today“ und „Relax (Take It Easy)“ – die gute Seite – zu konsumieren, führt zu einem genussvollen Zuckerschock, doch jedes Bonbon mehr – das wäre also die beatleske Ballade – ist eines zu viel und führt zu Magenbeschwerden. Wäre die Aufteilung des Albums anders, bliebe der Effekt wohl der gleiche. Aus dem ganzen der A-Seite stechen zwei Songs heraus. Zum einen der musikgewordene „Lollipop“ mit seinen wenig versteckten sexuellen Anspielungen und der Jackson 5 Melodie, zum anderen „Relax“, das – wie auch „Love Today“ – als Tanzflächenknaller funktioniert und somit klar im Scissor Sisters Fahrwasser fährt.

Mika hangelt sich auf dem Album rückwärts durch die Popgeschichte und nimmt dabei so ziemlich mit, was jemals an glamouröser Musik produziert wurde. Scissor Sisters, Queen und Beatles – alles jeweils in den kitschig bunten, mit LSD beträufelten Esspapierplättchen-Zuständen. Dabei setzt er meist auf seinen kennzeichnenden Falsettgesang, geht nur selten herunter in üblichere Gesangsstimmen. Das ist auf die Dauer verdammt anstrengend, aber wie schon bei den Scherenschwestern gilt, dieser Kitsch, dieses theatralisch, operettenhaft Übertriebene fügt dem Pop einen erfrischenden Farbtupfer hinzu. Die Schwestern betonten im letzten Jahr ihre Hoffnung, ihr Stibitzen, ihr kreativer Diebstahl möge am Ende frisch klingen und etwas neues sein. Und Diebstahl ist es im Grunde, da vielfach mehr kopiert, denn neu interpretiert oder „interpoliert“ wird.

Die bitterböse Presse, die Mika unter anderem von Gareth Dobson (Mitentdecker von Bloc Party, Manager von Battle, Ex-Chefredakteur von Drownedinsound.com) erhält, ist bei so viel Kitsch und Bezug zu bereits Gesungenem und Gespieltem vielleicht zunächst nachvollziehbar, verliert aber jede Grundlage, betrachtet man Mikas Wirken am Album. Er ist nicht nur Interpret, er schreibt, spielt und produziert vieles selbst. OK, als autodidaktischer Pianist, Absolvent einer Musikhochschule und vier Oktaven Stimmumfang kann man das auch von ihm erwarten. Und doch, wer mit soviel Inbrunst und Liebe zur Musik die Pophistorie plündert, einen umwerfend lebensfrohen Liederbogen in Technicolor entwirft und diesen all den Britneys, Westlifes und US-5s entgegensetzt hat soviel Häme nicht verdient. Also: Gib’ Mika eine Chance. Oder: Ein Herz für Mika.

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