Lady Sovereign – Public Warning

Def Jam erobert die Welt. Erst die Teriyaki Boyz (Tokyo, Japan) und jetzt Lady Sovereign (London, England). Beides nicht unbedingt Künstler für die „reale“ Anhängerschaft. Beides Acts, die – vom amerikanischen Ursprungs-Markt aus – klar auf die Portemonnaies des weißen Mittelstands zielen. Nicht umsonst wurde Lady Sovereign in den Staaten schon als fEminem bezeichnet.

An anderer Stelle war die Rede von zu britisch für die USA und zu weichgespült für den UK-Grime-Markt. Die Vorbehalte im Vereinigten Königreich liegen anders gelagert, und in Amerika hat die – nun auch wieder schon ein halbes Jahr zurückliegende Veröffentlichung von „Public Warning“ – ihr nicht nur massives Airplay in MTVs TRL gesichert sondern ihr zudem eine Single („Love Me Or Hate Me“) beschert, die kaum weniger Erfolg hatte, als die Comeback-Single ihres Ziehvaters. Der Ausgang im Heimatland ist noch offen, ist ihr Ruf in Großbritannien doch vergleichbar mit der Wahrnehmung von Bushido, Sido, Fler und Frauenarzt in Deutschland. Heißt: sozialer Ausschuss, weißer Müll.

Deutschland wiederum? Gute Frage. Das Rumoren des Netzes bezüglich Lady Sovereign und ihrer Musik, ihres sowohl im UK-Garage/Grime/Dubstep als auch im Punk, Ska und Reggae verwurzelten HipHop, dieser Buzz hält nun seit fast drei Jahren an und viele der Tracks auf dem Album, ließen und lassen sich in mehr oder weniger anderen Versionen legal im Netz finden. Ihr Name tauchte immer wieder auf und unter. Fast hätte man vergessen können, es gibt noch gar kein Album. So werden die Checker, die eh alles kennen, enttäuscht sein, hier wenig Neues zu finden. Sie sind es wohl auch, die sich – in Form z. B. von Pitchforkmedia – beschweren, wie poppig Sov doch in diesen drei Jahren geworden ist, wie wenig harter UK-Sound – aka Grime – in ihren neueren Tracks steckt und wie sehr ihre Musik unter weichgespülten Produktionen („Hoodie“) leidet.

Sagte man dies Lady Sov ins Gesicht, würde sie dem vielleicht insgeheim sogar zustimmen, einem aber dennoch ein F*CK U ins Gesicht spucken. Eine berechtigte Einstellung – also das fcku. Wo deutsche Prekariats-Rapper meist Airplay nur wegen ihrer Pseudo-Attitüde und ihrem ebensolchen Background erhalten, zeigt ihre britische Kollegin, was möglich ist mit einem vernünftigen Producer im Hintergrund und dem nötigen Flow. Die Rhymes bouncen, die Sprache fließt, stolpert, schlägt Bögen, versickert, schießt hervor. Wo Bushido ein kanalisierter, erstickter Bach unter Hamburg Osdorf ist, klingt Lady Sovereign wie ein glasklarer Bergbach, dem Luft und Raum gegeben wird, der sich in die Tiefe ergießen kann, Wirbel schlagen darf und immer genug frischen Sauerstoff bekommt. Wo die aggressiven Berliner im Block hängen bleiben, bricht Louise – so ihr realer Vorname – aus und zieht in die weite Welt. Noch ein Vergleich? Wo deutsche Ghetto-Rapper voll auf Blingbling setzen und Namenszüge an Tags orientieren, verwendet der kleine britische Wirbelwind lieber ein Banksy angehauchtes Street-Art Cover.

Eine Prognose für ihren Erfolg in Deutschland fällt zwiespältig aus. Im Grunde müsste „Public Warning“ wie Dizzee und Mike Skinner sowohl bei „alternativeren“ Radiostationen wie auch bei HipHop-interessierten Indie-Hörern guten Erfolg haben. Ob sie jedoch zwischen Beyoncé, Bushido, Fergie, Fanta 4, X-Tina und Jay-Z die Käufer ebenso überzeugen kann, bleibt abzuwarten. Den Namen werden in einem halben Jahr die meisten kennen, besitzen wird das Album sicher nur ein Bruchteil der Kenner.

Dabei bietet das Album von allem ein bisschen. Das von Basement Jaxx produzierte „Blah Blah“ ist sowohl hart genug sowohl für die Party-Rock-Disko wie auch für die HipHop-Party. Es ist vielleicht kein Ohrwurm, aber zwischen Clowning und Pogo ist alles drin. Den Track zur nächsten IPod-Werbung – oder doch eher für die nächste Adidas-Kampagne –, den Song also, den jeder Mitsummen kann, gibt es auch. „Hoodie“ ist sozusagen das Gegenstück zu Fergies „London Bridge“. Wo die BEP-Tante nur peinlich ist, machen Louise und ihr Hausproduzent Medasyn alles richtig – vielleicht bis auf die Product-Placement-Lyrics.

Den Charme des Albums macht nicht zuletzt die unverkrampfte Verwendung von Gitarrensamples, die nicht auf Crossover Marke Aerosmith vs. Run DMC gebürstet sind, sondern eine Liebeshochzeit mit Sovs Raps eingehen. „Those Were The Days“ nähert sich so fast schon Naughty By Nature an. Dagegen vermengt „My England“ alles von englischen Bläserkapellen bis … in einem langsam dahin dräuenden Etwas, das die Klassengegensätze zwischen Posh und Chav, zwischen Tee und Gin pur, zwischen Cricket und Playstation klarstellt.

Am meisten treiben einen immer noch die lupenreinen Grime-Tracsk voran. Der schwächste davon ist vielleicht noch „Tango“, dazu kommen das zwischen düsteren Bässen und Piano-Klängen pendelnde „A Little Bit Of Shhh“ und die anfangs angeführte Single „Love Me Or Hate Me“, die Missy und Dizzee zusammenzubringen versucht und die Waage doch zu Missy ausschlagen lässt. Der Titeltrack „Public Warning“ besteht eben so sehr aus The Clash wie aus The Stranglers wie aus Prodigy wie aus UK-Garage Elementen. Einer der ältesten Tracks – „Random“ – ist sicherlich eines der größten Highlights. Grime in seiner Reinform zeigt der Song sowohl die Qualität Sovereign’scher Lyrics und Flows als auch der ursprünglichen Medasyn-Produktion. Und der Wahnsinn der Sov und ihre Mitstreiter reitet wird schon im Bläser- und Synthie-Mischmasch von „9 to 5“ deutlich. Dicke Beats, angeborener Flow und sogar noch ’ne Melodie.

An die zwanzig Tracks machten in den letzten Jahren schon die Runde. Vieles findet sich hier. Mehr ungehörtes, aber vor allem mehr mutiges, mehr 2006/2007 hätten dem Album vielleicht noch gut getan. Aber wer bin ich, mich über eine nicht höher als hohe Qualität zu beschweren.

Live soll Madame übrigens noch besser sein.

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