Apostle Of Hustle – National Anthem Of Nowhere

Einstieg 1: Das Jahr 2004 lieferte einige gute Alben. Eines aber überzeugte jeden, der es hörte und lässt sich als das überraschende Konsens-Album des Indie-Rock dieses Jahres bezeichnen, Modest Mouse „Good News For People Who Love Bad News“. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, sollte Apostle Of Hustles Zweitling „National Anthem of Nowhere“ dies für 2007 werden.

Einstieg 2: Suchen wir nicht alle nach der Nachfolgeband für Radiohead? Eine Band, die so vielseitig ist, so mutig dahingeht, wo es weh tut, nie peinlich wird? Die einen haben diese Band schon in Arcade Fire gefunden, die anderen in Broken Social Scene, wieder andere wähnen schon seit langem Muse in dieser Rolle. Stehen wir dem Gesuchten zu, fröhliche Songs zu machen, latein-amerikanische Rhythmen zu verwenden, aber auch ein wenig Punk-Attitüde mitzubringen und tanzbar – in der klassischen Tanzschul-Variante – zu sein, dann, ja dann könnten Apostle Of Hustle auf mittlere Sicht diese Rolle wahrnehmen.

Apostle Of Hustle, das ist vor allem erst einmal Andrew Whiteman, Lead-Gitarrist und wohl auch Songschreiber der Broken Social Scene. Entstanden ist das Projekt nachdem Whiteman 2001 auf Kuba seine Liebe für den latein-amerikanischen Lebensstil und die dazugehörige Musik entdeckte. Latein-Amerikanische Rhythmik und Melodien im Wechselspiel mit klassischem –schon ursprünglich – Folkloreinspiriertem Alternative, so lässt sich auf einfache Weise die Musik beschreiben, da mischen sich Americana Marke Calexico mit Salsa und Buena Vista Social Club, aber auch Blues und Tom Waits. Gelegentlich schleicht sich sogar ein elektronischer Beat ein (u. a. „My Sword Hand’s Anger“), aber alles wird immer getragen von Whitemans Gitarrenspiel, mal elektronisch verstärkt mal klassisch akustisch mit Anklängen an José Gonzales und Jorge Drexler oder mit Whitemans kubanischer Tres gespielt. Unterstützt wird Whiteman auf „National Anthem …“ unter anderem von Mitgliedern der Stars, der The Stills und der 2006er Tour-Sängerin der Broken Social Scene Lisa Lobsinger.

Die zwölf Songs auf „National Anthem Of Nowhere“ überzeugen nicht alle hunderprozentig, es finden sich doch altbackene oder anstrengende Elemente oder Songs. Die Mehrzahl der Stücke jedoch liegt im Feld der melancholisch fröhlichen und sperrigen Rock-Pop-Hymnen, die sowohl Popper als auch Avantgardisten erfreuen. Dabei überraschen am meisten die auf Spanisch vorgetragenen Stücke: das einen Hauch von Latin-Punk (si. Manu Chao) verströmende „¡Rafaga!“ und der Club Tropicana Postrocker „A Fast Pony For Victor Jara“.

Eröffnet wird das Album jedoch – und damit der Hörer schon sofort gewonnen – mit „My Sword Hand’s Anger“, das neben dem schon erwähnten elektronischen Schlagzeugbeat vieles zeigt, was dieses Album und seine Highlights ausmacht: Gesang, Bass und Gitarre wirken, als übersteuere die Anlage, wir werden gehetzt, alles erscheint roh und ungefiltert. So überzeugt vom Album, folgt der Titelsong, eine Indie-Hymne, die sich nahtlos an den Opener anschließt und sofort Schubladen aufspringen lässt, bzw. Modest Mouse und The National sich darum prügeln lässt, Apostle Of Hustle in ihr Lager einzugliedern. Nach dem sperrigen „The Naked And Alone“ schließt sich die Ballade „Haul Away“ an, die Americana, düsteren Blues und Western-Gefühle vereint. „Cheap Like Sebastien“ wirkt wie „Eiskalte Engel“ entsprungen – wozu der Titel einiges beiträgt – und „Chances Are“ gallopiert von Montreal über Austin nach Panama City und zurück und lässt uns atemlos und mit offenen Mündern zurück bevor „A Rent Boy Goes Down“ uns mit Pianofiguren und Schlagzeugbeat abwechselnd ChaCha und Rumba tanzen lässt. Den Abschluss machen dann das Lemonheads-hafte „Justine, Beckoning“, der Indie-Soul von „Jimmy Scott Is The Answer (for a. n.)“ und das mit Streichern ummalte akustische „NoNoNo“. Ruhig, tragisch, zurückgelehnt und eine düstere einsame Zukunft prophezeiend schließt es mit der Zeile „i heard the fortune teller gave you bad news“ den Bogen zu „Good News For People Who Love Bad News“.

Zum Abschluss zu sagen, „National Anthem Of Nowhere“ sei das erste „Must have“-Album des Jahres, wäre anmaßend. Aber genau so empfinde ich es. Wer die neuen Alben von The National, Modest Mouse oder auch der Smashing Pumpkins herbeisehnt, sollte sich verdammt noch mal mit Apostle Of Hustles Zweitling über die Wochen retten oder ihm – im Falle von Modest Mouse – zumindest eine gleichberechtigte Chance geben, denn „the smalllest truth shines the brightest“ oder auch „nonononononononono / everything predicted’s coming true“.

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