Marfa, Shesaid, Algo – Beck’s Stage Experience, Battle To Hurricane Festival, Knust Hamburg, 4. März 2007

Hamburg, 3. März 2007. Hamburg bietet eine verwolkte Mondfinsternis, Goose, Trentemøller und Voxtrot. Ich jedoch wähle den Beck’s on Stage Experience Battle To Hurricane. Naja, Voxtrot wären danach noch möglich gewesen, hätte meine eine Begleitung nicht am Sonntag den vierten März ein Rhönradturnier gehabt und wäre meine Lebensabschnittsgefährtin nicht zu Lautstärke-geschädigt gewesen nach den Kreischkonzerten der Knustbesucher.

Ein Bandwettbewerb also, statt Spaß, ein Genie oder ein Treffen mit einer Reihe von Helga-Teilnehmern. Bandwettbewerbe sind etwas Grauenvolles. Der letzte von mir besuchte, fand Mitte der Neunziger in Kassel statt. Abstimmungszettel und Jury führten zu dem Ergebnis, dass eine Bryan Adams Gedächtniskapelle gegen ein „Hamburger Schule“ Trio zwischen Surrogat und Blumfeld und den Goldenen Zitronen unterlag. Die „Bryan Adams“ Anhänger konnten dies überhaupt nicht nachvollziehen, welch Wunder. Gehobene Langeweile gegen Soundästhetik. Der Drummer der Soundästheten nennt sich heute Robot, der Nachname tut nichts zur Sache. Moral der Anekdote mag sein, nicht immer gewinnt der beste, bzw. die Band mit der größten Anhängerschar kann einen Bandwettbewerb auf verschiedene Weisen zu einer unangenehmen Angelegenheit machen.

Beim Battle To Hurricane traten die Hamburger Marfa und Shesaid gegeneinander und gegen die Berliner von Algo an. Das Endergebnis spiegelte die Zahl der im Publikum vertretenen Anhänger je Band genau wieder, was Moderator Markus Meske sowie der Jury um Tomte-Manager Gerne Poets am Ende ganz schön übel aufzustoßen schien. Andersrum würde eine vollständige Umkehrung des Ergebnisses wahrscheinlich dem Gefallen der unabhängigen Zuschauer am nächsten kommen.

Meske spielte den Moderator des Abends, durfte tolle Spiele durchführen, Beck’s Utensilien verteilen und konnte am Ende seine Unzufriedenheit über das Ergebnis nicht ganz aus seiner Stimme verdrängen.

Im Mittelpunkt standen natürlich die Bands. Algo verreckte auf der Fahrt nach Hamburg das Auto, so dass Band und Veranstalter froh sein konnten, dass sie überhaupt anwesend waren. Den musikalischen Anfang machten jedoch Marfa. Eimsbüttel und St. Pauli, coole Indie-Menschen also. Es wurde ein routinierter und von einiger Bühnenerfahrung geprägter Gig einer Band, die sich offenbar nicht entscheiden ob sie nun Punk, Post-Punk, Grunge, Post-Grunge oder einfach nur Indie-Rock machen will. Das tat niemandem weh, war nett zu hören, aber mitreißen konnte es nicht. Es fehlte das eigene, das eigenständige Element, also genau das, was die Band auf ihrer Homepage meint, einfordern zu können. Den Freund einer alten Bekannten (*) riss es allerdings doch mit, aber der ging aus der Ferne gesehen bei jeder Band tierisch mit. Ob es der Alkohol war, ich weiß es nicht. Am Ende sollten Marfa auf Platz zwei landen, was von hinten betrachtet auch objektiv in Ordnung ging, von vorne aber etwas seltsam wirkt. Ach so, wie alle Band sangen Marfa auf Englisch. Und wie alle Bands boten sie ein Potential dar: das sich zu entwickeln zum einen, zum anderen, dass der Musikalität

Als zweites traten Shesaid an, aber verlassen wir mal die chronologische Abfolge und wenden uns zunächst Algo zu. Die viermillionste Postpunk Band, die aber zudem noch einen Emo-Song im Set hat. Das könnte überraschen, wäre der Sänger nicht Engländer. Mitreißender Postpunk in einer ausgelutschten Standard-Version wurde dargeboten, bis auf ein oder zwei Hits, die wirklich grandios waren. Wie Meske oder Poets am Ende richtig feststellten, von der Band wird man noch hören. Vielleicht nicht erfreut, aber sie werden uns noch heimsuchen. Insofern erschöpft sich ihr dargebotenes Potential in dem, Erfolg zu haben, zu charten, neudeutsch formuliert. Sie überzeugten das objektive Publikum sicherlich am meisten – zumindest musikalisch. Denn das Manko, das einem größeren Erfolg wirklich im Weg steht ist … da spielt eine Band Musik, die deinen Arsch zum Wackeln bringt bzw. kickt, die dich zum Tanzen auffordert und was macht der Sänger, der steht da vorne rum wie ein nasser Sack Kartoffeln und trällert vor sich hin, als böte er Balladen dar. Was die Augen sahen und die Ohren hörten, passte nicht zusammen. Will die Band den im Netz versprochenen „kraftvollen Funk/Rock kombiniert mit eingängigen und melodiösen Pop/Rock“ wirklich präsentieren, sollte zunächst Simon sich eine Bühnenpersönlichkeit zulegen, die der Musik entspricht.

Welchen Platz Algo belegten? Im Grunde steht das da oben.

Nun aber zurück zu Shesaid, der Band, deren erweitertem Dunstkreis meine Anwesenheit zuzuordnen war, über die Freundin der Mitbewohnerin der Schwester der Lebensabschnittsgefährtin von mir, oder so. Die erwähnte L. meinte, sie habe sich gewundert, ob die Band sich nicht entscheiden könne, ob sie langsam düster oder schnell rockend ihre Musik darbieten wolle. Meine Assoziationen lagen etwas anders. Der erste Song deutete zwar etwas Düsteres an, das setzte sich dann jedoch nicht fort. Vielmehr legte sich die Band recht eindeutig in einer Crossover-artigen Guano Apes meets Die Happy Ecke fest. Egal, wie man eine solche Beschreibung nun deutet, die anspruchsvollste Musik kommt niemals dabei heraus. Das Potential, das Shesaid besaßen? Party und für die Kenner der Band ein gewisses, ein recht ausgeprägtes Kultpotential. Kultig, Fankultig war auch das, was der große Kern ihrer ebensolchen Anhängerschar an DSDS-, Popstars- oder Tokio Hotel Verhalten an den Tag legte. Die Applausometer-Abstimmung haben Shesaid dementsprechend ohne Probleme gewonnen, wobei ihre Angehörigen auch reichlich laut für die anderen Acts gejubelt haben.

Lange dauerte es, bis die Jury-Sitzung nach dem letzten Klang von Algo vorbei war. Markus Meske und Poets drucksten nachfolgend ganz schön rum auf der Bühne, betonten, nicht nur der Applaus sei wichtig, jedoch auch nicht nur die Musik, Performance und Umgang mit schwierigen Situationen ebenfalls.

Letzteres hat dann wohl den Ausschlag für den ersten Platz gegeben, vorletztes die Entscheidung für den zweiten begründet. Heißt, Algo waren zu staksig, zu am Platz festgefroren für den zweiten Platz und wäre Shesaids Gitarristin Susanne nicht eine Seite gerissen, und hätte der Rest der Band daraus nicht eine Freestyle-Rap-Einlage „ohne Reim“ gemacht, hätte das Endergebnis anders, bis ganz anders ausgesehen. So haben Shesaid, die Band mit der größten Anhängerschaft, sich einen Platz auf dem Hurricane gesichert. Was beweist, Bandwettbewerbe sind grauenvolle Veranstaltungen.

Wobei, für den partyorientierten Teil der Hurricane-Besucher ist dies sicherlich eine positive Entscheidung. Marfa und Algo würden auf der riesigen Bühne verloren wirken, Shesaid haben das Potential sie zu füllen, …

… und werden es wahrscheinlich doch nicht tun.

Hätte ich also lieber zu Voxtrot gehen sollen? Mag sein. Lustig war es auch so, … hust.

Ende.

(*) eine Susanne, die mal 97/98 in Bremen einen freiwilligen Dienst absolvierte, hallo an sie, nochmal hust

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