Flowerpornoes – Wie oft musst du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?

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Blumfeld sind tot, lang mögen die Flowerpornoes leben.

Ich weiß nicht, ob jemand ernsthaft auf ein Comeback der Flowerpornoes gewartet hat. Hat doch Tom Liwa mit schöner Regelmäßigkeit Alben veröffentlicht. Insofern stellt sich die Frage, ob die Welt wirklich auf ein neues Album der Tom Lima Band – äh der Flowerpornoes – gewartet hat. Geben die bisherigen Alben Liwas und der Band nicht genug Material für all die Spätgeborenen, gute Musik zu entdecken?

Natürlich gibt es auf „Wie oft musst du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?“ Momente, die sich auf Liwas Solo-Alben nicht fanden, aber in weiten Teilen dominiert doch Liwas Lyrik und die sanfte Melodieführung, die seine Solo-Werk ausmachte. Insbesondere stechen die Spoken-Word-Passagen hervor. Insofern ist es verwunderlich, wenn Liwa mitteilen lässt, das Album gehöre mehr dem nachgewachsenen Publikum als ihm selbst, erscheint es mir doch, als spräche es vor allem die nostalgischen Hörer an, die Mitte der 90er auch das Tom Isfort Orchester im Vermissen der Flowerpornoes hörten – Isfort zeichnet übrigens für die Streicher auf „Wie oft …“ mit verantwortlich, die besonders in „Tahiti“ hervorstechen.

Die werden es wohl ebenfalls sein, die die Blumfeldauflösung am meisten bedauern, und somit umso mehr nach dem Flowerpornoes-Comeback greifen. Blumfeld und Flowerpornoes funktionierten in den mittleren 90ern am ehesten als Kreuzreferenz nicht als direkter Vergleich. Doch Jochen Distelmeyers Band hat in den letzten Jahren eine gewisse Entwicklung durch gemacht, so dass heute zwischen den mittleren Blumfeld und den neuen Flowerpornoes auch musikalische Ähnlichkeiten herrschen. Vor allem scheinen sich die Eigenschaften der Sprach- und Gesangstechniken der beiden Frontmänner angeglichen zu haben, so stelle ich – und nicht nur ich – mir während „Mikado“ oder „Nicolas H.“ häufiger die Frage, ob ich hier nicht eher Jochen höre als Tom. Oder wie „schunkel“ es im Forum der Intro formuliert: „Toll Tom so sprechen zu hören wie Jochen klingt wenn er wie Tom klingt. Oder wie ist das?“

Genau wie ist das? So ist das, das Album ist so einfach Flowerpornoes und Liwa, das es im ersten Moment eher kühl vorbeigleitet. Ich kenn das, ich mag das, aber nicht mehr. Aber beim zweiten Hören, …

… wenn die Gitarre hallt, das Klavier klingt, Liwas Stimme erklingt: „Hier kommen die Jungs mit den Ego-Problemen und ihrem Hang zu arroganten Frauen. Hier kommt das Leben und was davon übrig blieb, vielmehr als mir lieb ist, hier kommt, hier kommt Rock’n’Roll.“ Männer für romantisch verzogene Männer, für Nerds, für Kerle, die zu St. Pauli gehen, die lieber über Musik philosophieren, als sich mit Mädchen zu unterhalten. Das wären zumindest vor 11 Jahren zum Erscheinen von „Ich & Ich“ die Klischees gewesen, heute ist natürlich alles ganz anders, heute können die Nerds Musik und Frauen unter einen Hut bringen. Und haben mit „Kerstin Loose“ den offiziellen Nachfolger für „Romy Schneider Augen“ von Tilman Rossmy gefunden. Natürlich rockt das hier viel mehr als Rossmys traumhafte Ballade. Dafür folgt dann mit „Zahnarzttochter“ genau eine solche für die Großstadt. Rossmy und Begemann werden sie mit Wohlgefallen hören. Überhaupt zeigt „Wie oft …“, wie sehr Liwa, Rossmy, Begemann ein Triumvirat des poetischen Deutschpop waren und vielleicht noch sind.

Liwa beweist jedoch zudem, wie zwiespältig deutsche Texte manchmal sind (z. B. „Tänzer“). Wieso neben Blumfelds „Verbotene Früchte“ jetzt Liwa zu Äpfeln als Thema greifen („Apfelkern“), wird wohl sein Geheimnis bleiben: „Hey, die Ernte war schlecht, wir hatten Glück in der Liebe und Spiel im Pech.“ Er will sich nicht beschweren, er hat den Apfel mitsamt dem Kern. „Sigmund Freud“ wiederum ist musikalisch und textlich toll, andererseits aber scheint es fast peinlich und lässt einen verstehen, wieso die Plattenfirma meint, in der Presseinfo unbedingt Virginia Jetzt! in Form von Thomas Dörschel als Belastungszeugen anzuführen. Die musikalische Ideenvielfalt lässt einen auf lange Sicht darüber hinwegsehen und einfach die – dem „Indie“ der Mittneunziger entsprungene – Inszenierung des Songs genießen. Eine Zeitangabe, die Songs wie „Rock’n’Roll“ und „Österreich“ auch im Bezug auf die bisherigen Flowerpornoes wecken. Insbesondere „Österreich“ weckt aber zudem Assoziationen zu Bands wie Sebadoh. In Rock’n’Roll begeistert dann noch eine fantastische „yeeeeeah“-Inszenierung und in Österreich ein ebensolches „Aaaaaaah“. Neben dieser Popeinfachheit finden sich mit „Tahiti“ auch die kryptischen Texte, wie sie zum Teil nicht zuletzt Liwas Solowerk ausmachten.

Die Plattenfirma zielt mit Referenzen wie Virginia Jetzt! und Klee offenbar auf die Nachgeborenen, die vor zehn Jahren noch nicht „bereit“ für Liwas Werk war. Sinnvoller jedoch richtete sie ihr Augenmerk auf die, die schon wissen worauf sie sich einlassen, bzw. deren Altersgenossen, die schon infiltriert wurden. Für die ist dieses Album eh eine Pflichtauseinandersetzung. Die anderen können noch etwas entdecken, und mögen „Wie oft musst du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?“ als Ausgangspunkt nehmen.

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