Dillinger Girl and Baby Face Nelson – Bang!

Es gibt Alben, da findet sich im weltweiten Netz nicht eine brauchbare Rezension. Und dann gibt es Werke wie „Bang!“ von Dillinger Girl und Baby Face Nelson, da überschlagen sich freie Seiten und große Magazine (Spiegel, Zeit) mit lesenswerten, amüsanten, tollen Reviews.

Dillinger Girl und Baby Face Nelson sind Helena Noguerra und Federico Pellegrini. Die eine ist alles und nichts. Sie ist die Schwester von Lio (in Frankreich so etwas wie Nina Hagen in D-Land), Journalistin, Romanautorin, Schauspielerin, Fotomodell und vor allem aber auch Sängerin. Sie entstammt portugiesisch-belgischem Elternhaus und vielleicht erklärt ihre Rastlosigkeit mit den südlichen Genen in dieser Mischung. Der andere – Pellegrini – ist Musiker (The Little Rabbits, The French Cowboy) und Schauspieler.

Aus dieser Vielbeschäftigkeit beider ergibt sich, auch Dillinger Girl and „Baby Face“ Nelson ist ein Projekt. Gewoben für ein Album. Eine Geschichte. Selbst der Name kam erst zustande im Wissen um das Hotel, in dem man sich befand. Eines, wo auch John Dillinger – seines Zeichens Bankräuber – abgestiegen war.

„Bang!“ ist die Idee zweier französischsprachiger Menschen von amerikanischer Folklore. Somit ergibt sich eine Mischung aus Country’n’Blues und Chanson, die über vierzehn Songs versucht eine Liebesgeschichte zu erzählen. Einer Geschichte, die zwischen dem Wilden Westen, den Zwanziger und Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts und dem White Trash des heutigen Amerikas eine fiktive zweite Ebene besetzt.

Dabei entspringen Songs und Texte in der Mehrheit Baby Face Pellegrinis Feder. Er hatte sie Noguerra zugesandt, um sie als Gastsängerin für einige Songs zu gewinnen, doch sie wollte bei diesem franko-amerikanischen Projekt vollständig die „Rolle“ der Gastsängerin ausfüllen.

Ein Glücksfall für dieses Album. Allein gelassen mit einer Akustikgitarre und dem Hall des Studios verschmelzen Pellegrinis raue Stimme und Noguerras zarter und verführerischer Gesang zu einem perfekten Zweiklang. Eine Kombination, die im Opener „Stop“ zu dieser Love’n’Crime-Oper das Instrument nur als Schlaggeber benötigt und uns tief in die Wüste entführt. Auch „Stranger“ führt nur sperrig voran. Die Geschichte muss in Gang kommen. Doch wenn „Share“ mit einem von Dillinger Girl gehauchten „Be My Light“ beginnt, verzaubert dies und der Film kann losgehen, was im mitreißenden „Changes“ auch geschieht, um uns im anschließenden „Hit“ den Charakter der von uns beobachteten Beziehung verdeutlicht. „Hit me hard / so i can fall asleep in your arms / i want you treat me like you’d treat a fly / kindness is the one thing i despise …“ Von hier kann die/eine Liebe nur noch bergab gehen. Wenn dann bei „Love“ zum ersten Mal französische Vocals erklingen, nehmen Noguerra und Pellegrini auch zur Untermalung eine chansoneske Melodie. Das bezaubert, die Zerbrechlichkeit von „Believe“ wirkt umso stärker. Doch alles scheint gut in „Dillinger Girl“. Eine glückliche Miniatur. Sie markiert die Wende zur zweiten Hälfte. Unser verliebtes Duo beginnt die kriminelle Karriere in „Move“. Von hieran führt Kotzen, Lächeln und Vermissen („Puke“, „Smile“ und „Miss“) weiter. Doch es muss ein normaler Job („Work“) gefunden werden – Dillinger Girl allein – aber eigentlich kümmert es sie nicht, denn nur die körperliche Liebe zählt.

Dies mag das Fazit sein. Denn Sex spricht aus allen diesen kleinen und zarten Songs. Aber am Ende schleicht sich dann ein Bruch ein. „Superbelieve“ ist eine Adaption eines Blondie-Songs und … man fragt sich, was das soll. Doch es stört mich nicht, und damit ist dieses Album: brüchig, melodisch und vor allem empfehlenswert.

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