Gnarls Barkley – St. Elsewhere

dem wahnsinn den weg bereiten

Ich werde hier keine Zeit mit Wortspielen über Charles Barkley verschwenden. Auch Assoziationen von Bandfotos zu Clockwork Orange, von Bühnenperformances zum Zauberer von Oz und Star Wars oder von Albumtiteln zu filmischen psychiatrischen Krankenhäusern wird es nicht geben. Die Vorstellung der Künstler (Cee-Lo und Danger Mouse) ist auch eher überflüssig. Dieses Album spricht für sich und muss es auch.

Der Kurze:

Die Qualitäten der Produktionen von Danger Mouse sind legendär, seit er es wagte, das weiße Album der Beatles mit dem schwarzen Album Jay-Zs zu vermischen und doch wenig bekannt. So entstand ein graues Album, das nur online verfügbar war und in keiner Weise den Segen der Plattenindustrie besaß. Diesen hat Danger Mouse für sein Projekt mit Cee-Lo erhalten, so dass Gnarls Barkley mit ihrem Album St. Elsewhere nichts mehr im Weg stand.

Sie liefern uns ein Album, welches das Genre Hip Hop vorantreibt und seine Grenzen erweitert. Dabei ist der Grundtenor Pop, St. Elsewhere enthält 14 Songs, die alle mehr oder weniger charts- und radiotauglich sind. Wie schon die Alben der Gorillaz wird hier mit den Mitteln des Beats, des Samples und des R’n’B-Gesang ein Zwitter geboren, der eindeutig dem Hip Hop (der Black Music) entspringt, aber musikalisch durchaus darüber hinausgeht. Darüber hinaus im Sinne, dass die Tracks tanzbarer sind, bzw. auf eine andere Art und Weise tanzbar sind als ein durchschnittlicher Hip Hop Track der Roots, 15 Cents oder der Massiven Töne, oder auch als ein R’n’B Track von Beyonce oder Ashanti. Sie – die Gorillaz und Gnarls Barkley Platten – verbinden klassische Pop-Elemente mit solchen des Hip Hop und den Errungenschaften, die wir solch verschiedenen Stilen elektronischer Musik verdanken wie Trip Hop und Big Beat oder auch abstrakteren Künstlern.

Höhepunkte des Albums sind sicherlich der Opener Go-Go Gadget Gospel, Gone Daddy Gone, Just a Thought, Who Cares?, Necromancer und Storm Coming.

Der Lange:

Crazy, der Vorbote mit dem Rorschach-Test-Video sollte jedem bekannt sein. Ein Beleg für die Bedeutung der Computerisierung und Vernetzung für die Musikwelt. Der erste große kommerzielle Erfolg den Danger Mouse feiert, da er die Industrie überzeugen konnte, ihm freie Hand bei der Vermarktung zu geben. Auf der einen Seite lässt sich an Crazy deutlich erkennen, was einem mit St. Elsewhere erwartet, und doch wird dieses Album für jeden eine Menge begeisternder Überraschungen bereit halten. Cee-Los Stimme schwebt immer zwischen Soul, R’n’B und Gospel – höre die erste Single des aktuellen Seeed Albums. Hier bei Crazy bewegt sie sich von Kastraten-Höhe hinab in tiefe Tiefen. Dabei umfasst die Melodieführung genug Ideen für drei Stücke. Kontinuität und Erkennbarkeit bringt in erster Linie der Beat ins Stück, … der kaum variiert. Crazy beinhaltet ein Sample, Teile, … eines Tracks namens Last Man Standing von Gianfranco und Gianpiero Reverberi.

Entsprechend lassen sich die Bestandteile dieses Albums ablesen: Cee-Los Gesang – bei dem ich niemandem Übel nehmen kann, wenn er ihn nicht mag –, Samples, tanzbare Beats, überraschende Songführung und … der gewisse Witz. Damit handelt es sich bei dem Album dieses Projektes – und mehr wird es wohl nicht sein – um ein im weitesten Sinne Hip Hop/R’n’B-Werk, bei dem kein Track länger als 3:42 Minuten ist und einer nicht einmal die 90 Sekunden schafft. Ein Album, das auch als Fortsetzung an den Gorillaz-Zweitling anschließen könnte, was sich besonders bei The Boogie Monster und Gone Daddy Gone zeigt und was nicht verwundert, da Demon Days ebenfalls von Danger Mouse produziert wurde. Im Vergleich zu diesem ist bei St. Elsewhere der Fokus klar auf den Tanz- und Partyfaktor gerichtet, wohingegen Demon Days eher als musikalisches Gesamtkunstwerk zu verstehen ist.

Besondere Highlights auszumachen, fällt schwer, sind doch wirklich alle Tracks auf diesem Album – das vom Anlaufen und Auslaufen eines Filmvorführgeräts eingerahmt wird – sehr gut. Highlights müssten dementsprechend schon nahezu genial sein. Schon der erste Track Go-Go Gadget Gospel kommt dieser Beschreibung allerdings sehr nah. Beim ersten Hören bereits zieht dieser Titel einen ganz tief hinein in den Wahnsinn. Come here this is fearless und I want action, passion, smiling sind zwei Zeilen, welche die Grundstimmung des Tracks und des Albums fassen. Freedom in Hi Fidelity singt Cee-Lo weiterhin und das ist definitiv passend als Beschreibung. Crazy wurde oben schon behandelt und sorgt im Gefüge des Albums für etwas chillige Ruhe, lässt einen aber zudem weitergrooven. Auch der Titeltrack St. Elsewhere ist eher für das gemütliche Dahinfahren und die Sonne genießen gemacht; auch wenn die Insel des Wahnsinns, das Refugium der Psychiatrie die sonnige Stimmung nicht unbedingt mit trägt.

Wahnsinnig kommt auch das schon angesprochene Gone Daddy Gone daher. Wem da Arsch und Beine nicht in Bewegung geraten, demjenigen steckt entweder ein Stock in ersterem oder er steht auf Scooter oder Roland Kaiser. Da es sich offensichtlich um eine Cover-Version handelt, muss man dem Original wohl auch danken, doch die Umsetzung ist unwahrscheinlich gut. Wie Go-Go Gadget Gospel sicher einer der Tracks für die genial nicht zu hoch gegriffen ist. Den Wahnsinn im Tanzschritt trägt Smiley Faces weiter um den groovigen Staffelstab an das Boogie Monster weiter zu reichen, das uns mit ängstlichen Augen vor dem Grauen im Wandschrank ans Bett fesselt. Ob hier das Sample der Ku Klux Klan Sequence Zufall oder Wille ist?

Feng Shui – der wohl reinste Hip Hop Track und auch der schwächste – markiert mit seinen knapp eineinhalb Minuten die Halbzeit. Just a Thought begrüßt uns in der zweiten Hälfte und ist musikalisch und lyrisch sicher mit das beste Stück des Albums, wobei die Berührung der Genialität sich erst nach mehrfachem Hören erschließt. And I’ve tried everything, everything but suicide / but it’s crossed my mind. Die Intensität dieses Tracks – schon ohne Video – übertrifft möglicherweise die des Gorillaz-Songs El Manana in Verbindung mit dessen Video – übrigens das für mich beste Musikvideo seit langer langer Zeit, ein Kunstwerk an Kurzfilm. Schlagzeug und Synthesizer und Sample erzeugen bei Just a Thought die Bedrohlichkeit von Maschinengewehrfeuer.

Den Tanzfaktor führt Transformer wieder ein. Zum Beat kann man sich vielleicht etwas schwer bewegen, aber ein Tanz muss ja nicht schön aussehen, solange er Spaß macht. Who Cares? ist eine schöne leichte LmaA-Hymne. Ich würde meinen Zustand nicht Schizophrenie nennen, aber ich werde mindestens zwei Personen sein, heute, falls das Ok ist. Aber wen interessiert das schon. Ja, ganz klar ein Highlight. Online ist u. U. eher ein Füller, bevor Necromancer zurückkehrt zur Stimmung von Just a Thought. Nekrophilie als Thema. Hm, interessant, aber gehen wir mal einfach so drüber hinweg. Toll auf jeden der Track. Storm Coming ist kurz vor Schluss dann sicher eines der absoluten Highlights, und sein Titel verspricht nicht zu viel. Da das Projekt Gnarls Barkley auch tourt (nächstes Wochenende aller Voraussicht z. B. in Scheeßel auf dem Hurricane Festival) ist dies sicher ein Song der das Publikum um den Verstand und den letzten Atem bringt.

Treffend heißt der letzte Track The Last Time und führt uns groovend aus diesem Album. Vorhang zu. Wir sehen uns wieder.

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