Phoenix – It’s Never Been Like That

United and Alphabetical, never like that

Sie haben es getan. Überraschend schnell. Mit einem neuen – dem „kritischen“ dritten – Phoenix-Album hatte ich nun wirklich noch nicht gerechnet. Frisch sind noch die Auftritte auf den Festivals des letzten Jahres. Und die Auftritte dieses Jahres stehen kurz bevor – in der Hoffnung, dass es wieder mehr als einer wird, um nicht zu sagen die gleichen wie im letzten Jahr.

Aber egal, darum soll es nicht gehen, vielmehr um das überraschende dritte Album, das angeblich so kritische Album, bei dem die Erwartungen hoch sind und eine Band Gefahr läuft, sich zu wiederholen. Negative und positive Beispiele gibt es zuhauf.

Aber jetzt endgültig zu It’s Never Been Like That von Phoenix.

Stellen wir die Erwartungshaltung klar: Funky Songs mit Gitarre und Keyboard, tanzbarer Indiepop jenseits von Post-Punk-New-Wave Radio 4 trifft Franz Ferdinand. Zuckersüße Melodien, chillige Texte mit denen man den Sommer – auch wenn er ins Wasser fallen sollte – übersteht. Das alles in einem perfekt durchproduzierten Gewand.

Aus den Medien ist schon bekannt, das Album soll anders sein, rau – was immer das heißt –, einfacher und nicht so verspielt, kurz gesagt nicht nur überraschend schnell produziert, nicht nur überraschend in Berlin – im unprofessionellsten zu findenden Studio – eingespielt, sondern auch inhaltlich überraschend. Ja, das stimmt.

Dennoch liefern Phoenix – spätestens beim zweiten vollständigen Hörvorgang – das, was wir von ihnen wünschen. Melodien zum Cruisen, Songs zum Genießen. Erwartung zumindest partiell erfüllt.

Aber in der Tat nur teilweise. Phoenix liefern auf It’s Never Been Like That neun wunderbare Indie-Rock-Pop-Perlen und einen Instrumentaltrack. Dabei handelt es sich um schöne, hochmelodische Stücke im klassischen Setup Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang. Dabei gehört das Schlagzeug nicht offiziell zur Band, die Gitarre kommt verdoppelt vorbei, was man hört und spürt und erwartete Keyboard- und Synthesizer-Sounds sind so selten, dass sie im Booklet nicht einmal Erwähnung finden – erkennbar bei wenigen Takten in der ersten Single Long Distance Call. Die Band wird zitiert, dies solle dem Live-Sound näher kommen. Näher vielleicht, doch ist dieser in der Tat noch deutlich rockiger, nach vorne gehender, begeisternder.

Mit Long Distance Call wurde erneut der eingängigste Song eines Phoenix-Albums als Single ausgekoppelt. Damit kann potentiell auch ein jeder nachvollziehen, was ihn erwartet, da der Track auf MTV gespielt wird und sicher auch in den einschlägigen Radiostationen – im Zweifel findet er sich in den erstaunlichen Weiten des Internetzes sicher auf der ein oder anderen legalen Seite. Die Gitarren knarzen, die Melodie schleicht sich um uns rum und führt uns im Auto cruisend in den Sonnenuntergang. Nicht das mitreißendste Stück, das Phoenix bisher veröffentlicht haben, aber gut. Der Sound lebt natürlich mit von der unverwechselbaren, klar nach vorne gemischten Stimme von Thomas Mars, dessen französischer Akzent mit den Sex-Appeal von Phoenix ausmacht.

Die offensichtlichen Überraschungen sind selten auf It’s Never Been Like That. Sie eröffnen sich erst in den Tiefen der Tracks beim wiederholten Hören. North jedoch erwischt einen sofort auf dem falschen Fuß. Nach zwanzig Minuten hat man sich eingelebt in dieser neuen Phoenix-Welt oder enttäuscht den Player ausgeschaltet – was für mich unverständlich wäre. Dann kommt eben North, der angesprochene Instrumentaltrack mit fünf Minuten. Vielleicht ist es ein Fülltrack, unter Umständen ist es ernst gemeint. Der Track ist gut, er ist nicht Phoenix, viele Bands würden so etwas nicht veröffentlichen, Mogwai hätten daraus mehr gemacht. Aber gerade Mogwai sind es, an die ich dabei denken muss. Es ist eine ruhig vor sich hin fließende Nummer, die ohne große Höhen und Tiefen einen beruhigenden Einfluss hat, die sich aber Live sicher gut dekonstruieren und „verlärmen“ lässt. Das können Phoenix ja auch ganz gut.

Aber das ist wirklich nur ein verwirrender Ausreißer, der die Qualität des Albums nicht beeinflusst. Rau hymnischer Gitarrenpop bestimmt das Album mit so tollen Pop-Nummern wie Consolation Prizes, Rally und One Time Too Many sowie sperrigen Stücken der Marke Napoleon Says oder Lost & Found. Wenn bei letzterem die Akustik-Gitarre einsetzt, drängen sich plötzlich Referenzen wie I Am Kloot und die Go-Betweens (R.I.P. Grant McLennan) auf, die einem früher bei Phoenix kaum in den Kopf gekommen wären. Dass der Rausschmeißer Second To None noch einmal zu überraschen weiß, ist eine bloße Randnotiz, die wenig zu sagen hat, und ausschließlich mit dem Einstieg zu tun hat, der mir bei Jimmy Eat World (und/oder Konsorten) abgekupfert zu sein scheint, aber das sind nur die ersten zwölf Sekunden (die tatsächlich fast eins zu eins Jimmy Eat Worlds The Middle entspringen, hm, egal).

Was bleibt? Ein Album von Freunden über das Gehen und Kommen von Freunden, echten, falschen, alten und neuen. Ein Album einer „Rock“-Band, die weiß, was Soul und Seele in der Populär-Musik bedeuten. Einer Band, die wie kaum eine andere heute weiß, wie die Ambivalenz der Emotionen Freude und Trauer, Euphorie und Sentimentalität in Musik zu übersetzen ist. Ist das zu wenig? Nein, das ist verdammt viel.

Und wenn da einige Vergleiche mit den Housemartins anstellen, dann ist das verdammt daneben und doch ein Volltreffer.

Napoleon Says – Consolation Prizes – Rally – Long Distance Call – One Time Too Many – Lost And Found – Courtesy Laughs – North – Sometimes In The Fall – Second To None